50 bewegte Jahre: Die Gesamtschule Obere Aar in Hahn feiert Jubiläum

Von Mathias Gubo
Redaktion Rheingau-Taunus

Die Kinder sind mit Begeisterung dabei: Spendenlauf an der IGS in Hahn für eines der vielen besonderen Projekte an dieser Schule. (Archivfoto: Wolfgang Kühner)

HAHN - Man mag sich das kaum vorstellen: In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schaffte es aus 66 Gemeinden im Untertaunus kein einziger Schüler an eine weiterführende Schule. 80 Prozent der Heranwachsenden waren in den 50 einklassigen Schulen im Untertaunus vor gut 50 Jahren von einer schulischen Weiterbildung ausgeschlossen. Die „Deutsche Bildungskatastrophe“, so der Titel einer Schrift aus dieser Zeit von Georg Picht, beklagt diesen Zustand zwar für das ganze Land, doch auf dem Land waren die Zustände besonders katastrophal. Die Gründung von sogenannten Schulverbänden sollte Abhilfe schaffen. So etwa der Schulverband „Obere Aar“, dessen Namen die Gesamtschule in Hahn, die jetzt ihr 50-jähriges Bestehen feiern kann, noch heute trägt. Viele junge Menschen haben seitdem in Hahn die Schule besucht, viele Lehrer diese Kinder unterrichtet, es ist viel passiert in dieser Zeit.

Blumen und Knicks bei der Einweihung

Doch es war schon eine schwere Geburt, wie sich der damalige Landrat Herbert Günther in seinen Memoiren erinnert. Die Schule in Hahn (heute das Familienzentrum MüZe) platzte aus allen Nähten, die Gemeinde Hahn hatte schon den Bauplatz für einen Neubau ausgesucht. Den lehnt jedoch die Schulverwaltung ab, weil er zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten in der Zukunft bot. Günther berichtet von turbulenten Sitzungen der zuständigen Gremien.

1969 kann die Schule am jetzigen Standort eingeweiht werden. Gebaut wurde sie nach den Plänen des Wiesbadener Architekten Hanno Siepmann nach einem bundesweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb. Das Ergebnis ist ein Gebäudekomplex, dessen Eignung als Schule bis heute immer wieder bezweifelt wird. Im Beisein des damaligen Kultusministers Professor Schütte und des Vorsitzenden des hessischen Landtags, Georg Buch, wird die Schule feierlich eröffnet. Ein Mädchen begrüßt die Ehrengäste mit Blumen, die sie mit einem Knicks überreicht. Erster Rektor ist Kurt Hahnewald, eine durchaus eigenwillige Persönlichkeit.

„WHO IS WHO“ UND DER ERSTE ABITURIENT

Der ehemalige Kunstlehrer Konrad Schmidt hat sich die Mühe gemacht und ein „Who is who“ der prominentesten Abiturienten der IGS Hahn ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammengestellt: Katja von Garnier, erfolgreiche Filmregisseurin („Ostwind“). Iris von Kluge, Schauspielerin in Berlin. Thomas von Osten Sacken, Publizist und Autor. Dr. Sascha Schweitzer, Wissenschaftler und Privatdozent an der Universität Bayreuth. Michael Macht, ehemaliger Produktionsvorstand von Volkswagen und ehemaliger Vorstand der Porsche Automobil Holding. Jetzt im Aufsichtsrat der Endurance Capital AG. Peter Beuth, CDU-Landtagsabgeordneter und hessischer Innenminister. Matthias Gotthardt, Leiter des Gymnasiums Taunusstein. Halim Hosny, ehemaliger ZDF-Auslandskorrespondent. Der erste Abiturient an der Gesamtschule war Armin Bielak, heute Architekt in Hohenstein. Er durfte wegen besonders guter Leistungen schon nach zwölfeinhalb Jahren seine Reifeprüfung ablegen – als Einziger im Dezember 1977. Und das mit den Leistungsfächern Mathematik und Physik. Im mündlichen Abitur in Deutsch ging es dann um Schillers „Maria Stuart“, auch hier gab es 14 Punkte. Seiner Einberufung zur Bundeswehr (zu den schweren Pionieren) im Januar stand damit nichts mehr im Wege. Alle Termine Alle Termine der 50-Jahr-Feier der Gesamtschule in Hahn im Überblick: Dienstag, 17. September: Tanzabend, 18 bis 22 Uhr, Zirkuszelt. Donnerstag, 19. September: Festakt anlässlich des 50-jährigen Bestehens, 19 Uhr, Festzelt. Freitag, 20. September: 15 und 17.45 Uhr Zirkusvorstellung (Vorverkauf Montag und Dienstag 19 bis 20 Uhr am Zirkuszelt). Samstag, 21. September: Schulfest auf dem gesamten Schulgelände von 10 Uhr an. Um 10 und 13 Uhr Zirkusvorstellung (Vorverkauf siehe oben). Alle Termine

Neue Mensa kein Ersatz für die Aula

Die Schule wächst, hat zu ihren Hochzeiten in den 70er Jahren bis zu 2300 Schüler. Zum Vergleich: Heute besuchen 805 Kinder die Gesamtschule, werden von 70 Lehrern unterrichtet, dazu kommt weiteres pädagogisches Personal wie Sozialpädagogen und Schulsozialarbeiter. 50 Prozent der heutigen Schüler sind in Deutschland geboren, leben aber in einem Haushalt, in dem die Muttersprache ihrer Eltern, die Migrationshintergrund haben, gesprochen wird.

Die Gesamtschule in Hahn hatte es nie leicht. Vielen galt sie als „rote Kaderschmiede“, so der einstige Landrat Bernd Röttger (CDU), der es sich in seiner Amtszeit auf die Fahne geschrieben hatte, in Taunusstein endlich ein Gymnasium zu etablieren. Dabei hatte die „Obere Aar“ bis zum Jahr 2008 eine funktionierende Oberstufe. Im Gegenteil: Lange Zeit konnte man der Gesamtschule allenfalls den Vorwurf machen, zu sehr auf die Oberstufe konzentriert zu sein – quasi ein besseres Gymnasium sein zu wollen.

Dies änderte sich mit Beginn des neuen Jahrtausends. Der Kreistag beschloss eine Elternbefragung samt Mediation, Landrat Röttger erklärte die Schulpolitik zur „Chefsache“. Die Folgen sind bekannt: Die Gesamtschule in Bleidenstadt, bisher eine IGS ohne Oberstufe, wurde zum Gymnasium umgewandelt, der Gesamtschule in Hahn wurde die Oberstufe genommen.

Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen – ganz besonders für die Kasse des eigentlich bankrotten Rheingau-Taunus-Kreises. Er musste zum Aufbau des neuen Gymnasiums in Bleidenstadt viele Millionen investieren, die er eigentlich gar nicht hatte, während in Hahn erste Gebäude leer standen und verkamen. Eine Situation, die bis heute nachwirkt.

Die IGS in Hahn, die „ewige Baustelle“: In den 90er Jahren die PCB-Sanierung, seit Jahren laufen die nach der Mediation zugesagten Sanierungen der übrigen Schulgebäude. Schulleiter Kai Käding hofft, dass der C-Bau im nächsten Sommer fertig sein wird, im neuen Jahr soll mit der seit Jahren überfälligen Sanierung der großen Turnhalle begonnen werden. Ein Trauerspiel auch der Bau der Mensa. Aus Geldmangel wurde sie viel kleiner als geplant, sodass sie heute als Ersatz für die seit der PCB-Sanierung geschlossene Aula im B-Trakt nicht taugt. Für große Feiern zur Einschulung oder Schulentlassung muss die Gesamtschule das Hahner Bürgerhaus buchen und bezahlen!

Wenig Glück hatte der Kreis als Schulträger auch mit dem vom DFB finanzierten Kleinsportfeld an der Schule. Die Klage eines Nachbarn war erfolgreich, weil die planungsrechtlichen Vorgaben mangelhaft waren. Das Sportfeld (Kosten 450 000 Euro) musste abgebaut werden, die Banden sind bis heute irgendwo eingelagert.

Von dem Schock über den Verlust der gymnasialen Oberstufe hat man sich in der Schule nach einer Weile erholt. „Nach außen sind wir die Resteschule“, stellt Schulleiter Kai Käding selbstbewusst fest. Im System wurde einiges verändert, man setzt auf Nähe, abschlussbezogene Klassen, Grund- und Erweiterungskurse.

Käding erlebt in jedem Schuljahr, dass Kinder, die am Gymnasium oder in einer Privatschule nicht zurechtkommen, gerne nach Hahn wechseln und dort ihren Schulabschluss mit Bravour machen. Selbstverständlich gibt es vom 9. Schuljahr an eine Gymnasialklasse. Deren Absolventen wechseln mit Vorliebe an eine Oberstufe nach Wiesbaden – und sind dort gern gesehen.

Statt dem Schüleraustausch mit Nashville/Tennessee pflegt man freundschaftliche Kontakte mit Ramonchamp in den Vogesen, ist froh über die Unterstützung des Fördervereins und der AG Zusammenarbeit Eltern und Schule. Michael Herzog, Nachfolger von Norbert Charwath, hat immer noch den Vorsitz des Fördervereins inne, obwohl seine Kinder schon lange nicht mehr die Schule besuchen. Aber wie kann man Gesamtschule auch definieren? Die gesamte Familie muss ran.

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