Beurlaubter Schwarz wehrt sich: "Habe keine Verbesserung gesehen"
09.03.2010 - WIESBADEN
Von Henning Kunz
Morgens um halb Neun ist die Welt auf dem idyllischsten aller Fußballberge noch in Ordnung. Vogelgezwitscher, blauer Himmel, keine Wolke, die die Stimmung trüben könnte. Ein guter Start in den Tag. Das mochte Sandro Schwarz genauso sehen. Bis der Geschäftsführer seines Arbeitgebers SV Wehen Wiesbaden in der Tür der Trainerkabine stand. Ein paar Minuten später war die Welt des Sandro Schwarz, 31, nicht mehr in Ordnung. Gräf informierte den Co-Trainer des Fußball-Drittligisten, dass er mit sofortiger Wirkung beurlaubt sei. Baff, sei er gewesen, sagt Schwarz. Überrumpelt. Überrascht. Wie nach einem Überfall.
Der Sportverein setzt einen langjährigen Mitarbeiter vor die Tür und man ist geneigt hinzuzufügen: mal wieder. Schwarz spielte von 2005 bis 2009 für den SVWW, absolvierte 51 Zweitliga- und 50 Regionalliga-Partien, nicht wenige davon als Kapitän; im Frühjahr 2009 übernahm er bis zum Saisonende die Rolle des Cheftrainers, den Zweitliga-Abstieg konnte er nicht verhindern. Anschließend ging er ins zweite Glied zurück, um parallel die Trainerlizenzen zu erwerben. Den A-Schein hat er, den Fußballlehrer strebt er bald an. Er hat jetzt jede Menge Zeit.
Entscheidung am Abend
Stunden später gibt Geschäftsführer Gräf eine Erklärung per Pressemitteilung ab: „Wir müssen alle an einem Strang ziehen und alles dafür tun, dass wir da unten rauskommen. Nur mit denen, die diesen Weg mitgehen und die festgelegten Regeln einhalten, können wir Erfolg haben – ohne Wenn und Aber.“ Ob das im Umkehrschluss bedeutet, dass Schwarz sich Regeln widersetzt hat? Ob Schwarz, der von 1997 bis 2004 auch für den FSV Mainz 05 spielte, nicht bereit gewesen ist, an dem besagten Strang mitzuziehen? Nachfragen, die Gräf offenbar unangenehm sind, die er nicht beantworten mag.
Oder darf. Er sagt: „Ich unterliege der Verschwiegenheit.“ Und: „Es gibt Regeln, die eingehalten werden müssen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Die Entscheidung hat die Führungsriege am Montagabend in einer außerordentlichen Präsidiumssitzung getroffen, Gräf ist im Grunde nur der Überbringer der schlechten Nachricht.
Sandro Schwarz nimmt kein Blatt vor den Mund. Er ist auf wie neben dem Platz ein emotionaler Typ, der mit seiner Meinung hausieren geht, der keinen Konflikt scheut. In dieser Sache jedoch hat er offensichtlich den Bogen überspannt, hat zu energisch auf die sportliche Missstände und die bedenkliche Entwicklung hingewiesen. Bei den falschen Leuten.
„Im Sinne des Vereins“
„Ich habe bis heute keine Verbesserung gesehen und das allen Beteiligten offen gesagt“, sagt Schwarz, „im Sinne des Vereins. Ich wollte mir nicht vorwerfen lassen, die Dinge, die nicht laufen, nicht angesprochen zu haben. Wenn sie nun meinen, dass ich im Weg stehe und störe ...“ Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Ex-Cheftrainer vom ersten Tag an mit dem neuen Cheftrainer Gino Lettieri nicht warm wurde; daran änderte wohl auch ein klärendes, mehrstündiges Gespräch zwischen Trainerteam und Geschäftsführung nichts. Lettieri sagt nur: „Er ist von Dingen, die wir abgesprochen haben, abgewichen.“
Dem Vernehmen nach hat sich Schwarz über Hierarchien hinweggesetzt. Statt den kurzen Dienstweg zu wählen, hat er den Dialog mit dem starken Mann beim SVWW, Markus Hankammer, gesucht. Darüber dürften Geschäftsführer Gräf und der von Gräf geholte Fußballlehrer Lettieri weniger erfreut gewesen sein. Schwarz betont: „Ich habe mit allen gesprochen. Mit Gräf, mit dem Trainer. Jeder weiß, dass ich ein Teamplayer bin und als solcher alles offen sage.“ Nur weiß man eben nie, wie die offene Meinung ankommt.

