Nieder-Roden niedergerungen
06.02.2012 - NIEDER-RODEN
Von Sebastian Poser
SG WALLAU Nach perfekter erster Halbzeit zittert sich Ländchesteam zum 28:27 im Gipfeltreffen
Als Christopher Prinz ein letztes Mal hochstieg, schien es, als stünde die Zeit still. Für den einen kurzen Augenblick, in dem die 750 Handballfans den Atem anhielten, um ihn nur eine Winzigkeit später kraftvoll auszustoßen. In jener Sekunde, in der der Wurf des Rückraumschützen der HSG Nieder-Roden vom Abwehrblock der SG Wallau abgefälscht wurde, wie in Zeitlupe aufs Tor zutrudelte - um von SG-Schlussmann Sebastian Schermuly mit den Fingerspitzen um den Pfosten gelenkt zu werden. Da war er, der kollektive Gefühlsausbruch. Ein Aufstöhnen der Enttäuschung unter den 650 heimischen Zuschauer, aufbrandender Jubel auf Seiten der rund hundert mitgereisten Gästefans, die den hauchdünnen 28:27 (18:11)-Auswärtssieg ihres Teams im Oberliga-Gipfeltreffen in der Nieder-Rodener Sporthalle frenetisch feierten.
Und dabei hätte es Christopher Prinz eigentlich wissen müssen. Dieser Freiwurf, die letzte Aktion des Spiels, konnte einfach nicht den Weg ins Tor finden. Vielleicht vorbei am breiten Block der gegnerischen Abwehrspieler oder vielleicht über das Bollwerk, das das Ländchesteam errichtet hatte. Aber nicht vorbei am SG-Schlussmann, der in den 60 Minuten zuvor zeitweise zum (Torwart-)Riesen mutiert war - und auch den letzten Ball parierte.
Ein Bild mit Symbolkraft. Denn die Abwehr der Gäste wurde vor allem in der ersten Hälfte zum fast lückenlosen Bollwerk, Torwart Schermuly für den Drittligaabsteiger zum schier unüberwindbaren Hindernis. Der 25-Jährige hielt und hielt und hielt, brachte die Hausherren mit seinen Glanzparaden schier zur Verzweiflung. „Die erste Hälfte“, sagte Schermuly, „hat uns das Spiel gewonnen.“ Auch weil insbesondere das Wallauer Rückraumtrio Benedikt Seeger, Stefan Bonnkirch und Tim Plattner in der Offensive nach Belieben traf. Das Resultat: Die verdiente Sieben-Tore-Pausenführung, die angesichts zweier verworfener Siebenmeter gar noch höher hätte ausfallen können. „Ich hatte zwischenzeitlich Angst, dass wir höher als mit sieben Toren verlieren“, gestand Nieder-Rodens Trainer Alexander Hauptmann. Sein Wallauer Pendant Ralf Ludwig lobte, dass „wir nicht viel besser spielen können, als in der ersten Halbzeit“.
Wohl aber schlechter. Nicht viel, aber eben doch das entscheidende Quäntchen, das die zuvor chancenlosen Hausherren nach der Pause zurück ins Spiel brachte. Der ein oder andere Fehlwurf im Angriff, kleinere Nachlässigkeiten in der Abwehr - „wir haben die Partie selbst wieder spannend gemacht“, befand SG-Rechtsaußen Phillipp Botzenhardt. Auch weil die Nieder-Rodener Abwehrumstellung auf eine offensive 3:2:1-Deckung die Gäste vor größere Probleme stellte, der vor der Pause noch glänzende Wallauer Offensiv-Express ins Stocken geriet. „Im Endeffekt“, sagte SG-Abwehrchef Tim Plattner, „ist es aber egal, ob wir mit einem, zwei oder sechs Toren siegen. Wir wollten hier gewinnen, das war die Hauptsache.“
Sie wollten den Auswärtserfolg - und sie holten ihn sich. Jenen Triumph, der so wichtig war im Kampf um die Meisterkrone - und nach dem letzten Spieltag doch wertlos sein könnte. Denn der direkte Vergleich spricht nach wie vor für Nieder-Roden - Wallau hätte mit acht Treffern Differenz gewinnen müssen. Der eine abgezogene Zähler wegen Nichterfüllung des Schiedsrichtersolls, er könnte so für das Ländchesteam bittere Konsequenzen haben: „Sportlich gesehen sind wir Erster“, sagte Ludwig, „wenn wir unsere übrigen Spiele gewinnen und trotzdem nicht aufsteigen, haben das Andere zu verantworten.“
SG Wallau: Schermuly, Kosel; Ehrmann (2), Schreiber (n.e.), Karathanasis, Plattner (5), Seeger (9/6), Baethge, von Gierke, Teuner (n.e.), Bonnkirch (3), Jamin (3), Hutmacher (n.e.), Müller, Sturm (n.e.), Botzenhardt (6).
Schiedsrichter: Akbag/Karadas (Kassel).- Zuschauer: 750.- Zeitstrafen: 5:5.- Siebenmeter: 5/5:8/6.- Spielfilm: 2:0, 3:3, 4:6, 5:7, 5:10, 8:11, 8:15, 10:17, 11:18 - 11:19, 12:20, 15:20, 18:22, 21:24, 21:27, 24:27, 24:28, 27:28.

