Von Henning Kunz
Reisen bildet. Erweitert den Horizont. Und manchmal passiert Unvorhersehbares. Auf Reisen haben die sportlichen Angestellten des SV Wehen Wiesbaden in dieser Saison eine Menge erlebt. Und gelernt. Zum Beispiel, dass es in der Republik mehr als ein Heidenheim gibt. Auf der Suche nach dem „richtigen“ (ostwürttembergischen) Heidenheim, wo der Drittliga-Fußball gepflegt wird, landete die SVWW-Reisegruppe erst im falschen (fränkischen) Heidenheim, dann auf einem Bauernhof, wo der Hahn krähte, aber kein Ball rollte.
Echte Herausforderung
Am Freitag um acht Uhr beginnt der wohl zeitaufwändigste Trip in dieser Runde, „voraussichtliche Fahrzeit 77 Stunden“, vermutet Trainer Hans Werner Moser. Wobei es wirklich interessant zu wissen wäre, wohin 77 Stunden Busfahrt führen. Unser Tipp: Baku, Aserbaidschan. Aber nein, das Reiseziel heißt Burghausen. Busfahrer Edgar Spreitzenbarth weiß genau, dass damit das oberbayrische Burghausen an der Grenze zu Österreich gemeint ist und nicht das Burghausen bei Münnerstadt (Franken) oder Leipzig. Ist ja schließlich nicht das erste, sondern das sechste Mal, dass der Sportverein in den Altöttinger Landkreis reist.
Die Bilanz spricht im Übrigen gegen den Sportverein: In der Wacker-Arena sprang bislang nur ein Sieg und ein Remis heraus, drei Mal siegte der SVW gegen den SVWW (der ja damals auch noch SVW hieß). „Und nach einer Niederlage mit einem dicken Hals eine so lange Heimfahrt anzutreten“, darauf hat Moser mal gerade gar keine Lust. Genauso wenig wie die falsche Filmauswahl bei Hin- und Rückfahrt. „Ein Spieler von uns hatte mal solchen unzumutbaren Schrott eingelegt – das würde ich verbieten, selbst wenn wir irgendwo 7:0 gewinnen.“ Irgendwie werde man die geschätzten siebeneinhalb Stunden im Bus schon totschlagen. Moser: „Die Jungs wissen sich zu beschäftigen, außerdem nutzen wir die Zeit auch sinnvoll, sprechen über die letzten Spiele und die nächsten Aufgaben.“
Keine personelle Sorgen
Der Trainer freut sich auf die Herausforderung am Samstag (14 Uhr) gegen eine „robuste, gefestigte Mannschaft, die keine großen Schwächen zeigt, wenig zulässt und genau weiß, wo sie den Hebel anzusetzen hat“. Die in der Wacker-Arena fünf Heimsiege feierte, nur einmal (gegen Eintracht Braunschweig) verlor. „Um dort etwas zu holen, müssen wir uns deutlich steigern“, sagt der SVWW-Coach mit Blick auf das Spiel gegen Kiel. „Da standen wir oft zu weit auseinander, entsprechend zu weit von den Gegenspielern weg, was wir zum Glück teilweise noch im Spiel korrigiert haben.“ Immerhin sprang der vierte Heimdreier in Serie, das siebte unbesiegte Spiele in Folge heraus. „Und jetzt bin ich auf die Reaktion der Mannschaft gespannt, wie sie auftritt, wenn sie den Rücken frei hat.“
Abgesehen von den Langzeitverletzten Thorsten Barg und Josip Landeka tritt der SVWW in Bestbesetzung an, aller Voraussicht nach mit der Startelf der vergangenen Spiele. Moser fordert, „dass die Jungs sehen, dass es sich lohnt, sich weiterzuentwickeln“. Eine Phrase und doch so wahr: Stillstand ist Rückschritt. „So eine Entwicklung darf nie aufhören, auch wenn man nicht davon ausgehen kann, dass wir jetzt jedes Spiel gewinnen.“ Und: „Wer meint, es geht schon irgendwie, dann haben wir eine lange, enttäuschende Heimfahrt.“ Sieben Stunden können manchmal fast so lange wirken wie 77.

