INTERVIEW Helge Meeuw über neue Kleiderordnung, eigene Ziele und "Hertha Wiesbaden"
MAGDEBURG/WIESBADEN. 100-m-Rücken-Vizeweltmeister Helge Meeuw sehnt das Ende der umstrittenen Plastik-Anzüge herbei und will - allen Rücktrittsgedanken zum Trotz - bei den Olympischen Spielen 2012 in London noch einmal angreifen. Gleichzeitig spricht der gebürtige Wiesbadener über die neue Rollenverteilung im Deutschen Schwimm-Verband (DSV), seine privaten Pläne und die Ambitionen seines alten Vereins.
Herr Meeuw, Ihr zweiter Platz bei der WM im Sommer in Rom über 100 m Rücken ging fast ein wenig unter im Goldrausch von Britta Steffen und Paul Biedermann. Schmerzt das?
Irgendwie schon. Zumal es für mich nach dem Desaster von Peking alles andere als selbstverständlich war, trotz Doppelbelastung von Studium und Sport noch einmal den Sprung an die Weltspitze geschafft zu haben. Plötzlich aber standen nur noch Britta und Paul im Fokus. Das muss man einfach akzeptieren. Es ist eben immer noch ein Unterschied, ob du Erster oder Zweiter wirst.
Wurde damit aber nicht auch gleichzeitig der Druck von den eigenen Schultern genommen?
Sicherlich sind die anderen durch die neue Führungsrolle von Paul Biedermann selbst ein wenig aus der Schusslinie geraten. Zumindest an meiner eigenen Erwartungshaltung hat das aber nichts geändert.
Apropos Erwartungshaltung: Wie sieht Ihre für die bevorstehenden Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften und die in zwei Wochen stattfindende EM aus?
Da ich am Samstag noch eine Klausur schreibe, konzentriere ich mich ganz auf die 100 Meter Rücken am Sonntag und gehe davon aus, dass mir zumindest den nationalen Titel niemand ernsthaft streitig machen wird. Das sieht bei der EM schon wieder ganz anders aus. Dennoch sollte auch dort ein Platz auf dem Treppchen möglich sein, wenngleich durch weitere Klausuren von einer optimalen Vorbereitung keine Rede sein kann.
In den vergangenen Wochen ist die umstrittene Kleiderordnung der Schwimmer wieder verstärkt in den Vordergrund gerückt. Sind Sie froh darüber, wenn das Thema durch ein Machtwort des Weltverbandes mit Beginn des neuen Jahres endlich vom Tisch ist?
Mehr als das! Als mir erst neulich beim Weltcup in Berlin solch ein Plastik-Ding unmittelbar vor dem Start gerissen ist, habe ich kurzerhand das Oberteil in die Hose gesteckt und kam mir vor, als wäre ich mit einem Bremsfallschirm unterwegs und habe unter den spöttischen Blicken der Konkurrenz nicht einmal das Finale erreicht. Wenig später bin ich dann beim Nachschwimmen erstmals überhaupt unter 50 Sekunden über 100 m Rücken geblieben, ohne dass diese Zeit jedoch als offizieller Rekord anerkannt wird.
In diesem Jahr sind aufgrund der Materialschlacht nicht weniger als 116 Weltrekorde geschwommen worden. Teilen Sie die Meinung von Bundestrainer Dirk Lange, wonach diese trotz des Verbots von High-Tech-Anzügen auch künftig nicht unerreicht bleiben werden?
Das ist ein Treppenwitz. Ich weiß nicht, wo der Mann lebt. Wir schwimmen künftig in besseren Radlerhosen. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht und entspricht dem technischen Niveau von Mitte der 90er Jahre.
Sie sind zu Ihrer Freundin und Nationalkader-Kollegin Antje Buschschulte nach Magdeburg gezogen. Hatte dieser Entschluss ausschließlich private Gründe?
Ich habe einfach versucht, Sport, Studium und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Und dafür bot Magdeburg die besten Voraussetzungen. Antje, die ihre Karriere mittlerweile beendet hat, promoviert gerade und ich habe dort wieder Spaß am Schwimmen gefunden.
Dennoch starten Sie aber auch weiterhin für die SG Frankfurt?
Wenn man mich will, würde ich meinen dortigen Vertrag gern bis zu den Olympischen Sommerspielen 2012 in London verlängern. Das ist noch einmal mein großes Ziel, nachdem ich im Frühjahr schon aufhören wollte.
Bei der Bundesliga-Hinrunde am letzten Wochenende in Mainz trafen Sie mit der SG Frankfurt unter anderem auch aus den SC Wiesbaden, Ihren Stammverein, dessen sportliches Aushängeschild Sie über viele Jahre hinweg waren. Bestehen da noch Kontakte und wie beurteilen Sie den Aufschwung Ihres einstigen Vereins?
Ich bin in Wiesbaden geboren und werde immer Wiesbadener bleiben. Sportliche Bindungen gibt es allerdings keine mehr. Der SCW ist mittlerweile zu einer Außenstelle von Berlin geworden und könnte auch "Hertha Wiesbaden" heißen. Auch wenn die Anstrengungen der Verantwortlichen durchaus Respekt verdienen, so wird dort nie ein Olympiasieger hervorgehen. Dafür sind die Trainingsbedingungen einfach zu schlecht.
Das Gespräch führte Rolf Lehmann

