„Um fünf Uhr morgens senkrecht im Bett“
12.11.2011 - RHEINHESSEN
Von Rose-Marie Forsthofer
FLUGLÄRM Reaktionen in Umfrage reichen von „furchtbar“ bis „normal“ / Pädagogen sehen keine Beeinträchtigung im Schulalltag
Der Himmel über Rheinhessen - ist er noch das, was er vor dem Stichtag 21. Oktober war? Dem Tag, als am Frankfurter Flughafen die Nordwestbahn in Betrieb ging und damit auch die sogenannte Südumfliegung. Lebt es sich seitdem anders unter diesem Himmel? In einer Umfrage sammelten wir Stimmen von Anwohnern und Verantwortlichen in Bildungseinrichtungen.
„Besuch aus Bayern völlig entsetzt“
Bei allen befragten Anwohnern bestand in einem Punkt Übereinstimmung: dass sich seit diesem Tag die Lärmbelastung durch Flugzeuge verschlimmert hat. Die drei befragten Schul-und Kitapädagogen sahen aber keine Auswirkungen auf Kinder und pädagogische Arbeit.
„Wenn alle Tage so wären wie der vergangene Sonntag (6. November)“, sagt die Rechtsanwältin Carola M. aus dem südlichen Mainzer Stadtteil Drais, „dann wird es wirklich unerträglich.“ Ihr Besuch aus dem südlichen Bayern sei völlig entsetzt gewesen und habe um „fünf Uhr morgens senkrecht im Bett gestanden“. Man sei hier doch verwurzelt und beheimatet und könne nicht „einfach alles in die Tasche packen und gehen“. Sie und ihre Familie versuchen, die Möglichkeiten, sich zu wehren auszuschöpfen.
Ebenfalls als „furchtbar“ bezeichnet die Goldschmiedemeisterin Wiebke P. das Gedröhne von oben. Sie empfindet die Flughöhen als sehr niedrig und den konstanten Lärmpegel bei bestimmten Wetterlagen als hohe Belastung, und das im Winterhalbjahr mit geschlossenen Türen und Fenstern. „Da mag man ja gar nicht an den Sommer denken“, meint die Wackernheimerin.
Ganz andern sieht Stefanie J., Autorin aus Nieder-Olm, die Situation. „Wir leben nun einmal an einem der wichtigsten Wirtschaftsstandorte und Verkehrsachsen Europas. Da ist Lärm normal, auch zunehmenden Lärm muss man einkalkulieren, egal ob auf der Straße oder in der Luft, und sich damit arrangieren.“ Die Alternative könne eigentlich nur heißen wegzugehen. Bereits in ihrer Kindheit in Weisenau sei Fluglärm ein Thema gewesen, das ist „Teil meines Lebens.“ Eine moderate Zunahme der Flugbewegungen bei Ostwind stellt die Diplom-Pädagogin Barbara T. aus Gau-Algesheim fest. Die Maschinen flögen allerdings deutlich tiefer, der Lärm sei somit lauter als vor dem 21. Oktober.
Von einer Belastung für den Bodenheimer Kindergarten Wühlmäuse durch Fluglärm mag Leiterin Martina Klein nicht sprechen. Der Lärm von oben komme im Alltag nicht zum Tragen.
Ähnlich sieht es Rektorin Ingrid Heller von der Grundschule Schwabenheim. Man müsse weder bei geschlossenen Fenstern arbeiten noch gebe es Beeinträchtigungen, etwa bei der Konzentration. Auf dem Dach der Schule ist übrigens eine Fluglärmmessstation eingerichtet.
Auch Anne Herzberg, Leiterin der Ober-Olmer Grundschule, ist sich mit ihrem Kollegium einig, dass der Unterricht durch die Geräusche von oben nicht leidet, zumal wir „ziemlich neue Fenster haben“. Privat allerdings sieht es die Essenheimerin anders: „Morgens und abends ist es unheimlich viel lauter geworden.“
„Laubmaschinen größeres Problem als Flieger“
Für das Sebastian-Münster-Gymnasium in Ingelheim kann Oberstudienrat Christian Just, der im Fach Sozialkunde unterrichtet, keine Störungen durch den Schallpegel der Flieger feststellen: „Da sind die Laubmaschinen momentan ein größeres Problem.“ Als Unterrichtsinhalt sei die Fluglärmproblematik momentan nicht vorgesehen, jedoch sei die jüngste Fluglärm-Demo im Teil „Aktuelles“ seiner Stunde aufgegriffen worden.

