Von Christine Dressler
KUNSTMOLE Vom Gips-Banker bis zu den füllig-nackten Urmüttern
Die Kunstmole im Hafen ist eröffnet. Darauf hatten mehr als 100 Schiersteiner und Kunstfreunde aus der Umgebung gespannt gewartet. Alle bestaunten die Mole mit Reling, 19 Betonsockeln und der ersten Ausstellung vom Wiesbadener Berufsverband Bildender Künstler (BBK). In je zwei Werken setzen sich die Bildhauer und BBK-Mitglieder Kirsten Herold (40), Theresia Hebenstreit (59) und Wolf Spemann (77) auf unterschiedlichste Art mit dem Thema "Mensch" auseinander. Zu sehen ist die Schau bis 4. Oktober täglich von 9 bis 21 Uhr.
Ortsringvorsitzender Dieter Bender und Ortsvorsteher Dieter Horschler strahlten: Jörg Höhler, Chef des benachbarten Gaswerkverbands Rheingau als einer der bisher acht Sponsoren übergab noch einen Scheck über 5000 Euro zur weiteren Gestaltung der Mole. Das Geld fließe in die Postamente, da die 17000 Euro noch nicht komplett bezahlt seien, sagte Bender. Bis jetzt habe die Gestaltung der Mole knapp 50 000 Euro gekostet, ergänzte Horschler. Für eine Stahlkonstruktion als Bühnendach mit Sonnensegel und kleinere Ergänzungen wie ein Geländer hinter der Bühne werden weitere 20000 Euro benötigt.
Horschler informierte über die Geschichte der 460-Quadratmeter-Mole. Sie wurde um 1950 von den amerikanischen Besatzungskräften errichtet, als sie den damals freien Uferstreifen des Osthafens als Liegeplatz für ihre Landungsboote ausbauten. Im April 2006 verpachtete die Stadt die Mole an den Ortsring. Zuvor hatte sie die Mole auf Drängen des Ortsbeirats vom Wasser- und Schifffahrtsamt Bingen angepachtet. Initiatoren, Künstler, Besucher und die BBK-Vorsitzende Renate Reifert waren sich einig: eine gute Idee, die Mole vom militärischen Landungssteg zum Ort der Begegnung, Ruhe und Kunst zu machen.
Der Ausstellungsreigen startete mit jeweils zwei Werken der Bildhauer. Reifert führte in die seit Sommer 2008 entwickelte Ausstellung der Künstler aus drei Generationen ein, die auch die Vielfalt der fast 90 Wiesbadener im BBK widerspiegelt. Spemann und Herold zeigen (über-) lebensgroße Werke: er stark abstrahierte, sie realistische. Wie Frau und Schwan in seiner Schwimmplastik "Leda" verschmilzt Spemann im "Hermenpaar" aus Eiche Mann und Frau, Antike und Gegenwart, Geisterwelt und Realität. Kühl auf sich selbst konzentriert sind Herolds Gips-"Banker" und die "Etruskerin" aus grauem Vulkanstein. In zwei Gruppen aus je 29 Terrakotta-Akten präsentieren sich dagegen Hebenstreits füllige Urmütter aus dem bis China gereisten Projekt "1001 nackt". Das "Gegenstück zur Terrakottaarmee" verkörpert laut Reifert "charmante Disziplinlosigkeit".
Wer zum BBK gehören will, muss den Abschluss der Kunsthochschule, eine langjährige Kunst- und Ausstellungstätigkeit vorweisen. 2008 überzeugten nur Antje Dienstbir (38) und Theresia Hebenstreit (59) die Jury - wegen des "hohen handwerklichen Könnens" und der "perfekten Beherrschung der Materialien" in "ausgefeilten, durchdachten Formen", so Renate Reifert.

