Samstag, 11. Februar 2012 17:36 Uhr
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Wiesbadener Kurier

Wiesbaden 

Wiesbadener Sozialbericht: Arme Kinder in der Stadt der Schönen und Reichen

31.07.2010 - WIESBADEN

Von Christoph Cuntz

Im reichen Wiesbaden gibt es viel arme Kinder. Noch schlimmer als das ist für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Bernhard Lorenz, dass die Kinderarmut schon lange bekannt ist. Nämlich schon seit dem ersten Jugendbericht, der 1976 erschienen war. „Seither ist die Kinderarmut stetig gewachsen“.

Das bestätigt auch Heiner Brülle. Nur: Der Sozialplaner der Landeshauptstadt sieht die Kommune nur bedingt in der Verantwortung, die Bekämpfung von Kinderarmut sei auch eine Frage der Umverteilung. „Und die ist keine kommunale Aufgabe“. Eine Stadt könne Benachteiligungen, unter denen Kinder leiden, allenfalls kompensieren. Sie könne aber keine Eigentumsarmut beseitigen.
Bernhard Lorenz und Heiner Brülle: Beide reden über den vor wenigen Wochen vorgelegten Sozialbericht zur Armut. Beide wollen das Gleiche: Um die Kinder kämpfen. Und beide hoffen das Gleiche: Dass der Sozialbericht, zu dessen Autoren Sozialplaner Brülle zählt, Grundlage wird für eine breite Diskussion.

Denn in der Stadt der Schönen und Reichen sind arme und benachteiligte Kinder in vielen Stadtteilen in der Mehrheit: Im Schelmengraben und im Inneren Westend sind mehr als die Hälfte aller Kinder von Armut betroffen. Und eine Grundschuluntersuchung aus dem Jahr 2007 ergab: Auch in Erbenheim-Hochfeld oder im Quartier Sauerland-Belzbachtal wachsen mehr als 56 Prozent der Kinder in armen oder prekären Verhältnissen auf.

Folge des individuellen Lebensstils

Anders als Sozialplaner Brülle glaubt CDU-Politiker Lorenz nicht, dass eine von Staats wegen forcierte Umverteilung ein Beitrag zur Armutsbekämpfung wäre. „Ein Versuch mit untauglichen Mitteln“. Denn Ursachen der Armut sei weniger die ungleiche Verteilung des Reichtums. Armut sei vielmehr Folge des individuellen Lebensstils.

So argumentiert Lorenz, Menschen mit Migrationshintergrund seien oft deshalb arm, weil sie kulturelle Vorbehalte hätten, sich zu integrieren. Er spricht in diesen Fällen von einer „gestörten Beziehung“ als Ursache der Armut. „Gestörte Beziehung“: Das ist aus seiner Sicht auch Ursache dafür, dass in Wiesbaden 47 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden als arm gelten. Intakte Familien, die unter sozialer Ungerechtigkeit leiden, seien hingegen „eher die Ausnahme“.

Sozialplaner Brülle hält dagegen: Dass es in Deutschland viele Alleinerziehende gibt, sei eine Folge der freiheitlichen Strukturen. Ursache von Armut sei der Mangel an Bildung. Nicht der Migrationshintergrund. Zu den Armen zählten Menschen, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Und arm geworden seien viele, weil die Löhne für Jobs mit geringer Qualifikation gesunken sind.

Armut ist relativ

Armut in Deutschland ist relativ: Darin sind sich Lorenz und Brülle einig. Als arm gilt, wer Sozialleistungen bezieht oder darauf Anspruch hat. Bernhard Lorenz folgert daraus: „Je höher das Niveau der Sozialleistungen, desto mehr Menschen haben Anspruch darauf, und desto größer ist die Armut“. So laufe der Sozialstaat Gefahr, sich seine Armen selbst zu produzieren.

Klar, sagt Sozialplaner Brülle, in Deutschland gebe es keine „absolute Armut“. Aber seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes habe die Bekämpfung „relativer Armut“ Verfassungsrang.
Zu tun gibt es aus seiner Sicht jede Menge. Nämlich die Menschen in jenen Stadtteilen gezielt fördern, in denen die „relative Armut“ besonders groß ist. Im Schelmengraben, im Inneren Westend oder im Erbenheimer Hochfeld: „An den Schulen dort müssen die besseren Lehrer unterrichten und die besseren Angebote gemacht werden“. Denn der Weg aus der Armut führt für ihn nur über bessere Bildung.

Der Sozialplaner plädiert dafür, auch das Krippen-Angebot zuerst dort auszubauen, wo die Armen wohnen. Die Stadt habe es zu lange privaten Anbietern überlassen, neue Krippen-Plätze zu schaffen, weil sie selbst das Finanzierungsrisiko gescheut habe. Es sei lange Zeit die Devise der Kämmerei gewesen: Möglichst alle anderen Träger, bloß nicht die Kommune. So seien beim Ausbau der Kinderbetreuung die sozialen Brennpunkte vernachlässigt worden. Mit 14.000 Euro pro Jahr bezuschusst Wiesbaden jeden Krippenplatz.

Kinderbetreuung "mit der Gießkanne"

Und auch der CDU-Fraktionsvorsitzende Lorenz glaubt, dass die Stadt in der Vergangenheit die Kinderbetreuung zu sehr „mit der Gießkanne“ gefördert habe. Subventioniert würden damit auch Angebote für Familien, die sich die Betreuung auch auf dem freien Markt einkaufen könnten. Kinder aus bildungsfernen oder Zuwandererfamilien würden aber vielfach zu spät oder gar nicht in Krippen und Kindergärten geschickt.

Diese Beobachtung könne er „noch daramatisieren“, sagt Brülle. Arme Kinder besuchten in der Regel bis zur 9. Klasse die Schule. Und fallen damit dem Staat nur kurze Zeit zur Last. Ihre Ausbildung kostet den Staat wenig. Bei Heiner Brülle war das anders. Er hat bis zu seinem 26. Lebensjahr studiert. Auf Staatskosten.

Ein Kind steht an einem Fenster und blickt auf eine mit Graffiti besprühte Wand. Foto: Archiv

Ein Kind steht an einem Fenster und blickt auf eine mit Graffiti besprühte Wand. Foto: Archiv


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