Von Matthias Friedrich
„Ich bin mit Leidenschaft Pfarrer“, sagt Wolfgang Rösch. Und wer den künftigen katholischen Stadtdekan für Wiesbaden von seinen bisherigen Königsteiner Pfarrkindern erzählen hört, von immer noch gut gefüllten Gottesdiensten, einer breiten Familien- und Jugendarbeit, der zweifelt nicht daran, dass hier einer glücklich mit seiner himmlischen Botschaft und seiner irdischen Aufgabe ist.
Gebürtiger Erbacher
Dabei hat sich der gebürtige Erbacher erst ziemlich spät für den Weg zum Priesteramt entschieden. Rösch hat nach dem Abitur Maschinenbau in Darmstadt studiert und besitzt einen Ingenieurabschluss. Aber während des Studiums ist sein Entschluss zum Theologiestudium gereift. „Mein Engagement in einem ökumenischen Bibelkreis und in der evangelischen Jugendarbeit spielten dabei eine wichtige Rolle“, erzählt der Rheingauer Katholik.
Seine neue Ausbildung beginnt Rösch an der Frankfurter Jesuitenhochschule St. Georgen, bevor er fünf Jahre lang an der päpstlichen Universität Gregoriana studiert. In Rom, wo er 1990 zum Priester geweiht wird, hat er auch den Blick für die kulturelle Weite des Katholizismus bekommen, weil er im Collegium Germanicum Hungaricum Studenten aus den unierten Ostkirchen mit ganz anderen Traditionen, wie zum Beispiel der Priesterehe, kennenlernt.
Wahre Passion: Gemeindearbeit
Zurückgekehrt ins Bistum Limburg, hat der Neupriester nach Kaplansjahren in Wetzlar und Hadamar und der ersten Pfarrstelle in den Limburger Vororten Offheim und Ahlbach rasch seine wahre Passion gefunden, die Gemeindearbeit. Auch als ihn Bischof Kamphaus zum Regens des Limburger Priesterseminars beruft, betreut er nebenher zwei Gemeinden. Seit sieben Jahren ist der 50-Jährige nun Pfarrer in Königstein, Kronberg und fünf weiteren Gemeinden.
Der Abschied fällt ihm schwer, „aber die Vorfreude auf Wiesbaden hat angefangen“ lächelt er und freut sich nach einem ersten Kennenlerntreffen auf die Zusammenarbeit mit dem engagierten Pastoralteam und den Laiengremien. Im November wird er sein Amt als Dekan und Pfarrer von St. Bonifatius antreten.
Weiß um Veränderungen in der Seelsorge
Der Wechsel von den wohlhabenden Hochtaunusgemeinden in die Großstadt wird für Rösch einiges an Herausforderungen bringen. Aber der Pfarrer weiß um die Veränderungen, denen die Seelsorge ohnehin permanent unterworfen ist. Schrumpfende Zahl der Gläubigen, Zusammenlegung von Pfarreien und neue Formen pastoraler Ansprache sind das Gebot der Stunde. „Wir müssen das bisherige flächendeckende Prinzip in der Seelsorge ergänzen durch Konzentration in bestimmten Bereichen wie etwa der Jugendarbeit“, meint Rösch, der für sein neues Amt akzeptiert, dass der Anteil der Verwaltungs- und Organisationsaufgaben wachsen wird. „Die Gemeinden werden pluraler und mobiler“, sagt er. „Die Sinnsuche bei den Leuten bleibt“, hat er in vielen Einzelgesprächen erfahren, „aber man tut sich schwer mit konfessionellen Bindungen“.
Auf der anderen Seite fehlen nach seinem Urteil nicht nur Priester sondern auch „starke Laien, die in die Gesellschaft hineinwirken“. Caritas, soziale Arbeit wird ihn in Wiesbaden stark fordern, ist nach seinem Verständnis aber auch eine der Kernaufgaben des Christen. Schon der Theologiestudent hat sich in der Laienbewegung St. Egidio um Alte und Migranten in der Ewigen Stadt gekümmert. „Moralgeber und Anwalt der Armen“ so beschreibt er heute nüchtern die Rolle, die der Kirche in der säkularen Gesellschaft zufällt.
Verunsicherung aber auch Zuspruch
„Wir haben nach wie vor eine große Reputation“, glaubt Rösch trotz der aktuellen Missbrauchsdebatte und Glaubwürdigkeitskrise der Kirche. In seinen Gemeinden hat er viel Verunsicherung der Gläubigen bemerkt, aber auch persönlichen Zuspruch erfahren angesichts des Drucks der momentan auf dem geistlichen Stand lastet.
Eine Lockerung des Zölibats kann sich der frühere Regens anders als sein Vorgänger im Wiesbadener Dekansamt Johannes zu Eltz, nicht vorstellen, obwohl das für ihn „keine dogmatische Sache“ ist. Aber er räumt auch ein: „Wir stehen für etwas Heiliges und für eine andere Welt, aber wir sind nicht heilig.“
Begeisterter Radfahrer
Die Reife der Entscheidung für die Ehelosigkeit werde bei den Priesteramtskandidaten inzwischen viel stärker geprüft. Nur die Hälfte der Bewerber, die sich anmelden, werden angenommen, berichtet Rösch aus seinen Erfahrungen im Priesterseminar. „Wir dürfen im Grunde nur Priester nehmen, die auch gute Familienväter wären“, sagt der „Familienmensch“ aus kinderreichem Elternhaus, der in Königstein die Hausgemeinschaft mit den Priesterkollegen schätzt und die Gastfreundschaft auch im Wiesbadener Pfarrhaus hochhalten will. Dabei kommt ihm sein Hobby, das Kochen, zupass. Seine andere Freizeit-Passion zeugt vom langen Atem des neuen Dekans: Der begeisterte Radfahrer ist zur Zeit unterwegs zwischen Südfrankreich und dem galizischen Santiago, als Jakobspilger auf zwei Rädern.

