Von Johanna
LEBENSSTIL Wie man in Wiesbaden mit 100 Euro eine ökologisch einwandfreie Lohas-Party gibt
Dupré
. Birkenstocks und Brennessel-Tee war gestern, wer heute umweltbewusst sein will, trägt Eco-Fashion und nippt am nachhaltig produzierten Bio-Prosecco. Verzicht ist out, Hedonismus in für Lohas, die neuen Ökos, die vor allem eines wollen: genießen. Aber das bitte mit gutem Gewissen. Weltweit stellen sich Händler auf diese kaufkräftige Zielgruppe ein. Doch wie sieht das in Wiesbaden aus? Muss man als Loha auf der Karriereleiter ganz oben stehen? Oder könnte auch ich als Berufsanfänger mir das leisten? Ich beschließe, einen Selbsttest zu wagen: Mit 100 Euro eine Lohas-Geburtstagsparty ausrichten.
Günstigerer Ökostrom
Noch habe ich vier Tage Zeit, die Lage ist entspannt. Allerdings - was ist mit meinem Strom? Produziert im CO2-spuckenden Kohlekraftwerk - Ökokatastrophe! Schon sehe ich meine Gäste im Finsteren sitzen, da bringt ein Anruf bei Entega Erlösung. Der Wechsel zu Ökostrom geht nicht nur unkompliziert, mehr noch: "Sie zahlen jetzt monatlich acht Euro weniger", erzählt mir der Mann am Telefon.
Zwei Tage vor der Feier sitze ich an der Einkaufsliste. Gurken, Paprika, Hackfleisch, das dürfte kein Problem sein. Aber was ist mit Chips? Mayonnaise? Wodka? Gibt´s das überhaupt? Wenn ja, schmeckt das? Während ich darüber nachdenke, streift mein Blick das Chaos, das sich meine Wohnung nennt. Keine Frage, Putzen ist angesagt - doch im Schrank stehen nur Chemiekeulen. Schnell herausfinden also, welche Bioläden es in Wiesbaden gibt - am nächsten liegt Alnatura.
Der erste Eindruck ist positiv: ein heller, moderner Markt mit breitem Angebot, die Preise scheinen nicht überzogen. Neben Glasreiniger und Spülmittel aus Öko-Tensiden steht hier auch Naturkosmetik. Eigentlich müsste ich konsequent sein, und so entscheide ich mich für das je günstigste Shampoo, Duschgel und Deo. Bereits über 20 Euro weg! Das heißt wohl strengstens Preise vergleichen beim Rest...
Schnell ist da der Gedanke verworfen, auch bei Klamotten auf Lohas-Tauglichkeit zu achten. Zwar führen sogar Läden wie C&A oder H&M Kollektionen aus Bio-Baumwolle, der Test vor Ort aber zeigt ein überschaubares Sortiment: Jeans und bunte Oberteile, sehr einfach geschnitten. Raffinierter ist die Mode junger Designer wie "glücksstoff", zu bestellen im Internet - allerdings zum entsprechenden Preis. Ich verzichte also. Zwei Minuspunkte fürs Lohas-Konto, die ich aber mit den Öko-Reinigern ausgleiche. Die stehen übrigens ihren Chemie-Verwandten nicht nach und hinterlassen einen angenehmen Eukalyptusduft.
Samstag, der Tag der Party. Ich klappere einen Discounter, einen Supermarkt und verschiedene Bioläden ab. Erst finde ich Wein, dann Cola und Bier ("Urstoff", "Dinkelpils"), schließlich bei "denn´s" sogar Bio-Wodka! Aber da ist das Budget ausgeschöpft. 21 Euro wären eh nicht drin gewesen. Bowle gibt´s also nicht.
Überhaupt ist die Getränke-Ausbeute nicht so üppig. Auch das Essen ist nur deshalb reichlich, da mich meine Mutter - selbst überzeugte Vollwert-Bäckerin - noch mit Bio-Pizza und Muffins sponsert. Dazu gibt´s Nudelsalat, Frikadellen, Chips...alles mit EU-Siegel für Bio-Qualität. "Trotzdem, ich glaub´ nicht, dass das immer stimmt", meint ein Gast skeptisch . "Wenn schon, dann regional oder richtig selbst gezogen", pflichtet ein anderer bei.
Es schmeckt besser
Am Essen hat dennoch niemand etwas auszusetzen. Viele meinen sogar, dass es besser schmeckt. Nur die Bio-Cola fällt so richtig durch. Das Experiment scheint geglückt - doch da sorgt der Wein bei mehreren Versuchspersonen für ein böses Erwachen: übelste Kopfschmerzen. Nicht wirklich überzeugend auch die Naturkosmetik. Vielleicht hätte ich eine Preisklasse höher gehen sollen, aber das gab das Budget nicht her. Fazit: In Wiesbaden lässt es sich heute problemlos als Loha leben - doch für ungetrübten Genuss braucht man schon ein wenig mehr Geld.

