Samstag, 11. Februar 2012 17:59 Uhr
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Wiesbadener Kurier

Wiesbaden 

Mit Charleston-Kleid und Matrosenanzug - Die Swing-Gemeinde in Wiesbaden

22.01.2010 - WIESBADEN

Von Julia Anderton

Frauen in Charleston-Kleidern, Männer in saloppen Anzügen, dazu Musik von Glenn Miller – wer im vergangenen Sommer zwischen Hauptbahnhof und Liliencarré vorbei kam, fühlte sich in frühere Zeiten versetzt: an mehreren Abenden hatte sich dort Wiesbadens Swing-Gemeinde unter freiem Himmel getroffen.

„Der spiegelglatte Marmor ist super zum Tanzen. Wir haben uns eine Anlage mit Notstromaggregat geschnappt und es einfach mal ausprobiert. Das war zwar im halblegalen Bereich, aber es hat sich niemand daran gestört – eher im Gegenteil“, erinnert sich Kai Unger. Der 42-jährige Wiesbadener hat sich vor zwei Jahren auf einer Party mit dem Swing-Virus infiziert und stellt seitdem mit einigen Mitstreitern im Alter von 25 bis 45 Jahren unter dem Namen „Deca Dance“ Trainings- und Tanzabende auf die Beine. Die meisten von ihnen sind in kreativen Berufen tätig, andere studieren noch. „Das Geschlechterverhältnis ist 50/50, ab und an haben wir sogar einen Männerüberschuss“, schmunzelt der Biebricher.

Lindy Hop und Balboa

„,Swing’ ist übrigens eher ein Überbegriff. Die klassischen Tänze sind Lindy Hop, Balboa und Charleston. Je nach Tempo und Platzangebot sucht man sich da was raus“, so der Grafiker. „Wir merken, dass das Interesse wächst und immer mehr Leute die Tänze lernen wollen. Ich würde sagen, wir stehen vor einem Boom.“ Der Grund: Swing sei kommunikativ. „Man tanzt ihn nicht allein, er ist auch nicht so brav wie die Standardtänze. Er verbindet Generationen: bei uns machen 16-Jährige mit, aber auch Menschen, die den Swing aus ihrer Jugend kennen.“

Im Vergleich zu klassischen Tänzen wie Walzer sei Swing dynamischer, weil man ihn an die Feinheiten der Musik anpassen könne. „Man kann ihn aber nicht nur zur Musik der 30er oder 40er Jahre tanzen. Wir waren auch schon im Schlachthof. Die anderen Gäste denken zwar, man tickt nicht mehr richtig, aber einige haben uns auch darauf angesprochen, das war klasse.“

Glanz und Glamour

Es sei schwer zu sagen, aus welchen Gründen Swing so viele Wiesbadener fasziniere. „Einige wollen sich einfach tänzerisch weiterentwickeln, andere mögen den Kleidungsstil, den Glamour.“ Unger gehört zur zweiten Gruppe: „Ich hatte immer schon eine Affinität zu vergangenen Epochen und zum Maritimen, was dazu führt, dass ich im Matrosenanzug zu den Tanzveranstaltungen gehe.“ Die Faszination ist so stark, dass er nebenberuflich gemeinsam mit einer Bekannten ein Modelabel gründete, das ausschließlich Swing-Modelle anbietet.

Bei der Tanzveranstaltung am Samstag in der Turnhalle Biebrich mit Big Band, bei dem nicht nur die Wiesbadener Swingszene aufeinander trifft, sondern sogar Fans aus Nürnberg und Stuttgart anreisen, sind aber auch Jeans erlaubt. Überwiegen dürften dennoch die klassischen Outfits – zumal an dem Abend Bauchladenmädchen und Burlesquetänzerinnen auftreten werden.

Tanzschulen in Habachtstellung

Torsten Fischer von der „Tanzschule Bier“ hat zwar ausgemacht, dass Swing bei den Wiesbadenern ankommt, aber von einem Trend mag er nicht sprechen. „Wir haben ihn in unseren Tanzkursen immer mal wieder eingestreut und die Resonanz war gut. Man hört öfters von Parties, aber so richtig ist der Swing hier noch nicht angekommen.“ Deshalb werden in seiner Tanzschule derzeit noch keine diesbezüglichen Kurse angeboten. „Wir beobachten das Ganze und reagieren, wenn es anzieht. Im Moment sind wir in Habachtstellung.“

Ralf Schloßer bietet in seinem „Tanzatelier Ralf S.“ bereits seit vier Jahren Lindy Hop-Kurse an. „In Wiesbaden hat sich das Swingtanzen eher langsam entwickelt. Aber allmählich werden die Kurse voll.“ Die Teilnehmer sind hauptsächlich zwischen 20 und 40 Jahre alt. „Allerdings haben wir auch Paare in den Fünfzigern und darüber hinaus – meine älteste Kundin ist 84! Der Swing hat Potenzial“, ist Schlosser überzeugt. Leider gebe es in Wiesbaden kaum Tanzmöglichkeiten. Das bedauert auch Unger, zusammen mit seinen Mitstreitern ist er derzeit auf Domizilsuche für die kleine, aber feine Swing-Szene: „Wir hoffen, eine Kneipe zu finden, die einmal im Monat die Stühle und Tische zur Seite schiebt, damit wir tanzen können.“

Ein kesse Sohle aufs Parkett legen immer mehr Wiesbadener zur Swing-Musik von Glenn Miller. Foto: privat

Ein kesse Sohle aufs Parkett legen immer mehr Wiesbadener zur Swing-Musik von Glenn Miller. Foto: privat


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