Freitag, 03. September 2010 01:49 Uhr
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Wiesbadener Kurier

Wiesbaden 

Plenum ist immer montags

14.09.2009 - WIESBADEN

Von Falk Sinß

CAFE KLATSCH Kollektivbetrieb feiert mit einem großen Straßenfest sein 25-jähriges Bestehen

Kleine Kinder toben mit bunt bemalten Gesichtern über das Kopfsteinpflaster der Eltviller Straße, verfolgt von ihren besorgten Müttern. Ergraute Autonome stehen beim Bier vor der Open-Air-Bühne und hören zu, wie ein kleiner Junge den Witz von den zwei Nullen erzählt, die am Strand eine Acht sehen und feststellen, dass es mit einem Gürtel auch ganz gut aussieht, um dann in Gelächter auszubrechen. Am Straßenrand quetschen sich Jung und Alt auf den Bierbänken und genießen bei Kaffee und Kuchen die warmen Sonnenstrahlen eines schönen Spätsommertages, während auf der anderen Straßenseite politische Initiativen an ihren Büchertischen über ihre Aktivitäten im Allgemeinen oder über rechtsradikale Aktivitäten in der Region im Speziellen aufklären. Alles verfolgt von den Blicken der Anwohner, die neugierig über die Brüstung ihrer Balkone blicken. Denn so etwas hat die Eltviller Straße lange nicht mehr gesehen. Der Grund für dieses bunte Treiben: Das Café Klatsch feierte am Samstag sein 25-jähriges Bestehen mit einem großen Straßenfest und Open-Air-Konzert.

Rund 500 Leute wollten sich das nicht entgehen lassen und feierten ausgelassen bis in die frühen Morgenstunden. Einige der Besucher nahmen dafür zum Teil mehrere Hundert Kilometer Anfahrtsweg in Kauf. Wie zum Beispiel die 25 Jahre alte Wahlberlinerin Nele, die extra für den Geburtstag des Café Klatsch angereist ist, weil ihre persönliche Geschichte mit der des Café Klatsch eng verbunden ist. "Ich war schon als Baby im Klatsch, klar, dass ich da zur 25-Jahre-Feier komme", sagt sie lachend und stürzt sich ins Getümmel vor der Bühne, auf der die Wiesbadener Ska-Institution Frau Doktor gerade mit ihrem Auftritt begonnen hat. Die Band hatte übrigens ihr erstes Konzert 1995 zum elfjährigen Bestehen des Café Klatsch.

Gegen Startbahn West

Um zu verstehen, warum an einem Samstagmittag hunderte Menschen in die Eltviller Straße strömen, muss man die Geschichte des Café Klatsch kennen und wissen, dass es in seiner Form einzigartig ist - zumindest im Rhein-Main-Gebiet. Das "Klatsch", wie es von Gästen wie Mitarbeitern genannt wird, ist ein kollektiv geführter Betrieb, in dem kein Chef, sondern die Belegschaft das Sagen hat. Und das seit 1984, als das Café Klatsch erstmals seine Pforten öffnete.

Seine Wurzeln hat das Café in der Widerstandsbewegung gegen den Bau der Startbahn West. "Wir haben das Klatsch damals gegründet, um einerseits Geld für politische Aktivitäten zu sammeln und um andererseits den Mitarbeitern einen Arbeitsplatz zu schaffen, an dem sie selbstbestimmt ohne Chef arbeiten können", erinnert sich Rainer, dass einzig verbliebene Gründungsmitglied der derzeitigen Belegschaft. Schnell entwickelte sich das Café zu einem beliebten Treffpunkt der linken Szene. Mit dem langsamen Verschwinden der autonomen Szene in Wiesbaden wandelten sich auch die Gäste. Heute wird das Café Klatsch von jungen Punks genauso besucht, wie von Müttern mit ihren Neugeborenen oder älteren Herren mit Schlips und Krawatte.

Manche Dinge jedoch haben sich auch nach einem Vierteljahrhundert nicht geändert: Die Belegschaft trifft sich noch immer jeden Montag zum Plenum, auf dem über alle Belange des Cafés entschieden wird - von Reparaturen, Brötchenbestellungen bis zu Neueinstellungen. Und es gibt immer noch keine Cola im "Klatsch" zu kaufen. Und das soll - da ist sich die Belegschaft einig - auch die nächsten 25 Jahre so bleiben.

Cola gibt´s nicht, Merchandising schon: Karen Breunsbach (2. von links) verkauft T-Shirts mit Cafe-Klatsch- Aufdruck. RMB/Kubenka


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