Samstag, 11. Februar 2012 17:32 Uhr
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Wiesbadener Kurier

Wiesbaden 

Meine Heimgeschichte

19.03.2009 - WIESBADEN

Von Monika Siebert

“Am 7. Mai 1970 wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Am 8. Mai 1970 wurde ich von Frau Bäumler vom Jugendamt abgeholt und sie brachte mich nach Ilbenstadt in das katholische Mädchenheim St. Gottfried. Frau Bäumler fuhr mich in ihrem Privatwagen dort hin. Meine Stiefgroßmutter weinte beim Abschied, meine Mutter war nicht da.

Ich war froh, dass für mich nun ein neuer Lebensabschnitt beginnen sollte, nicht ahnend, was mich dort wirklich erwartete. In Ilbenstadt vor dem Haus angekommen, sah ich die vergitterten Fenster. Ich fragte scherzhaft ’Sind die Gitter gegen Ein- oder Ausbrecher?' ­ immer noch ahnungslos. Heute kann ich nicht mehr sagen, wer uns empfing, als wir hineingingen. Ich erinnere mich, dass ich im Beisein von Frau Bäumler zu meiner Gruppe gebracht wurde und es wurde mir die Gruppenmutter vorgestellt, eine grauhaarige, ältere, hagere Frau. Fräulein Müller, so wurde sie angesprochen.

Wie eine Mutter sah sie nicht aus, darunter stellte ich mir etwas anderes vor. Die Gruppenmädchen waren zu dem Zeitpunkt noch in der Schule. Die ’Gruppenmutter' führte uns durch das Heim und überzeugte Frau Bäumler, wie schön ich es hier haben würde. Das gepflegte Haus, die schöne Parkanlage mit Schwimmbecken, alles ganz toll. Nach dem Rundgang gab es ein kurzes Gespräch, in welchem Fräulein Müller ein paar Regeln erklärte, unter anderem, dass ich meinen Freundinnen nicht schreiben darf, der erste Schock.

Warum denn nicht? Frau Bäumler fand einen Kompromiss, es wurde erlaubt, dass ich meiner Nachbarin schreiben darf. Ansonsten nur noch der Großmutter und meiner Tante und Cousine.
Bald verabschiedete sich Frau Bäumler in dem Glauben, dass es mir nun hier gut geht und überließ mich meinem Schicksal. Mir war mulmig zumute. Die Gruppenmädchen kamen von der Schule, es gab Mittagessen und ich wurde der Gruppe als die Neue vorgestellt. Es war eine merkwürdig angespannte Atmosphäre. Ich fühlte mich unwohl.

Es war keine gute Stimmung unter den Mädchen, das spürte ich. Sie beäugten mich mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Neugier. Nett oder herzlich war hier niemand. Ich bekam ein Bett in einem Drei-Bett-Zimmer zugewiesen und einen Kleiderschrank auf dem Flur. Am Nachmittag wurde im Ess- und Aufenthaltsraum, der hier Tagesraum genannt wurde, unter Aufsicht von Fräulein Müller mit den anderen Mädchen der Gruppe mein Koffer ausgepackt.

Jedes einzelne Stück wurde begutachtet und kommentiert. Die anderen Mädchen stürzten sich regelrecht auf meine mitgebrachten Sachen, durchwühlten und sortierten aus, ich bekam zunächst meine Zeitschriften (’Bravo'-Hefte) abgenommen, das dürfe man hier nicht lesen. Mein Geld wurde mir abgenommen.

Keiner durfte Bargeld haben, das wurde von der Gruppenleiterin aufbewahrt. Weiter ging erst mal die Aufnahme: Meine Röcke seien zu kurz, die müssten länger gemacht werden in Knielänge, man dürfe keine Männer reizen. Wo da ja so viele Gelegenheiten waren!

So bis zum Abend begriff ich langsam, wie hier die Regeln und Gesetze waren und meine innere Verzweiflung wuchs. Das war doch ganz anders als in einem Internat. War es ein Erziehungsheim? Nein, wir sind kein Erziehungsheim, wurde von Fäulein Müller immer wieder betont. Meine Hoffnung, hier wird mein Leben besser, platzte wie eine Seifenblase. Was sollte ich jetzt tun? Warum wurde ich für all mein Leiden, das ich bisher ertragen musste, nun weiter bestraft?
Am Abend war ich in dem Drei-Bett-Zimmer mit den zwei anderen Mädchen, die dort waren. Sie hießen Eva und Helga. Sie waren unfreundlich zu mir.

Unbefangen fragte ich Eva etwas und sie herrschte mich an: “Pssst, wir haben Schweigen." Ich wusste ja von nichts und war ziemlich erschrocken. Wie, was . . . Schweigen, was soll das sein? Kurz danach lag ich in diesem Drei-Bett-Zimmer ­ draußen war es noch taghell ­ in diesem Bett und wusste, dass mein Traum von einem schöneren Leben hier nicht wahr wird.

Nach einer unruhigen Nacht kam der erste Tag. Früh wurden wir von Fräulein Müller geweckt, die wie ein Feldwebel durch die gesamte Gruppe rannte und alle Mädchen aus dem Bett scheuchte. Der Heimalltag begann. Was ich hier erlebte, war Freiheitsberaubung, Entwürdigung, Bevormundung, komplette Wegnahme jeglicher geringfügiger Privatsphäre, die ich je hatte. Es war ein ausgefeiltes System von Kontrolle, Strafen, Erniedrigungen, Arbeit und starrer Disziplin.

Zum Aufnahmeritual gehörte außerdem noch eine entwürdigende gynäkologische Untersuchung, da einem zunächst mal unterstellt wurde, schon mit vielen Männern verkehrt zu haben und man könnte ja eine Geschlechtskrankheit einschleppen. Die Untersuchung fand am nächsten Tag statt. Durchgeführt wurde diese von einer Freundin der Heimleiterinnen, ebenfalls eine grauhaarige ältere Dame, die Ärztin war und im nächstgelegenen Ort eine Hausarztpraxis betrieb, jedoch im Fachbereich Gynäkologie nicht ausgebildet war.

Sie hatte eigens für die Heimmädchen einen gynäkologischen Stuhl in der Praxis. Ich wurde von einer der Heimleiterinnen mit dem Auto hingefahren.
Die Untersuchung war schrecklich, ich war vorher noch nie bei einem Frauenarzt. Es fühlte sich an wie eine Vergewaltigung. Mit Samthandschuhen wurde man von dieser ekligen Frau nicht angefasst. Nach der Untersuchung sah ich das Heim von außen so schnell nicht wieder.

Der Tagesablauf im Heim: Morgens um ca. 5.45 Uhr wurden wir geweckt. Sprechen war strengstens verboten. Jeder musste sein Bett auslegen und dann in den Waschraum, wo vier bis fünf Waschbecken in einem Raum waren und ein Waschbecken mit anderen Mädchen geteilt werden musste. Ausziehen musste man alles, lediglich den Intimbereich durfte man mit einem Handtuch abdecken, Fräulein Müller stand da und schaute beim Waschen zu. Die Badewanne mit abschließbarer Kabine durfte nur samstags benutzt werden. Da bekam jeder 15 Minuten Zeit.

Nach dem Waschen und Anziehen musste jeder sein Bett nach einem vorgegebenen System machen, natürlich ganz korrekt, sonst wurde es von Fräulein Müller wieder auseinandergerissen, bis es so war, wie Fräulein Müller es für gut befand. Gerade in der ersten Zeit im Heim wurde mein Bettzeug oft wieder auseinandergerissen, denn vor dem Heim hatte ich ja nicht gelernt, ein Bett überkorrekt faltenfrei zu machen.

Alle Mädchen versammelten sich gegen 6.30 Uhr im Tagesraum, es wurde das Morgengebet gesprochen. Danach gab es Frühstück, und das Schweigegebot war während des Frühstücks aufgehoben. Bis zu diesem Zeitpunkt durfte keiner ein Wort sprechen, es hieß immer: ’Wir haben Schweigen.' Alle Mahlzeiten wurden im Tagesraum gemeinsam eingenommen. Die Tische waren zusammengestellt, ums Eck herum. Zum Frühstück gab es Brot, Butter, Marmelade, Malzkaffee und manchmal Müsli.

Das Geschirr für die Gruppenmädchen waren hässliche graue Teller und Tassen aus Chromargan, welches nicht kaputt gehen konnte. Fräulein Müller saß ganz vorne am Tisch. Sie aß bei den Mahlzeiten immer mit, jedoch bekam sie extra Essen und hatte schönes Geschirr aus Porzellan. Sie hatte immer ein Mädchen neben sich sitzen, welches speziell für sie Tischdienst hatte, das heißt, dieses Mädchen musste sie bedienen. Für das Eindecken der Tische und Abräumen nach den Mahlzeiten war der Tischdienst zuständig. Der Tischdienst dauerte jeweils eine Woche und wurde abwechselnd unter den Gruppenmädchen aufgeteilt.

Nach dem Frühstück so gegen 6.45 Uhr war wieder Schweigen und vor der Schule musste gearbeitet werden. Sie nannten es ’Jeder hat ein Ämtchen'. Die gesamte Gruppenwohnung musste täglich gründlichst geputzt werden, alle Zimmer, der lange Flur, der Waschraum, die Gemeinschaftsklos, der Tagesraum und in der Gruppenküche das Essgeschirr spülen und die Küche anschließend putzen. Während der Arbeit war es strengstens untersagt zu sprechen.

Um 7.45 Uhr versammelten sich alle im Flur zum Abmarsch bereit in die Heimschule. Sprechen verboten. In Zweierreihen ging es dann in die jeweiligen Schulräume, welche sich im Nachbargebäude, jedoch noch auf dem Gelände des Heimes befanden. Um 8 Uhr begann der Unterricht und ging bis 12.30 Uhr. Es wurden dort nur Mädchen aus dem Heim unterrichtet. Es war Unterricht auf Hauptschulniveau. Jeder kam erst mal in diese Schule.

Nach der Schule ging es wieder in Zweierreihen zurück in die Gruppenwohnung. Der Tischdienst musste sich beeilen, schnell eindecken, damit das Pensum des streng strukturierten Tagesablaufs eingehalten werden konnte. Das Essen kam in großen Töpfen mit einem Aufzug in die Gruppe, der Tischdienst teilte es auf. Das Tischgebet wurde gesprochen und man nahm das Mittagessen zu sich, sprechen war wieder erlaubt. Für Fräulein Müller kamen immer kleine Töpfe mit einem Essen separat.

Das Essen für die Mädchen war billig und irgendwie nahrhaft. Es wurde Dampfkost genannt. Manchmal konnte man es essen, manchmal war es eklig. Es war jedoch verboten, ein Essen nicht zu mögen. Jeder musste alles essen. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das sich vor Blumenkohl ekelte. Sie weigerte sich, diesen zu essen. Daraufhin musste sie den ganzen Tag im Tagesraum sitzen mit dem Teller, bis sie etwas von dem Blumenkohl aß.

Nach dem Mittagessen wurde wieder gebetet und es ging gleich weiter mit Hausarbeiten, die man zu verrichten hatte. Entweder man hatte Spüldienst oder Tischdienst in der Gruppe, oder man war eingeteilt in der Großküche zum Spülen. Das war eine schwere Arbeit. Drei Mädchen mussten dort riesige Bottiche in einem riesigen metallenen Spülbecken mit sehr heißem Wasser spülen. Diese Arbeit war mir zuwider. Zwei Mädchen mussten zur Diele, so nannte man den Speisesaal, wo andere Erzieher, Praktikanten oder sonstiges Personal ihr Essen einnahmen. Hier musste deren Geschirr gespült und die Küche gereinigt werden.

Oft musste auch das ’Ämtchen' vom Vormittag nochmals ausgeführt werden. Fräulein Müller kontrollierte vorzugsweise mit einem weißen Handschuh, ob der Putzdienst am Vormittag zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt wurde. Je nach ihrer Laune konnte es passieren, dass man z.B. das Zimmer mehrmals putzen musste. Fand Fräulein Müller immer noch Schmutz oder Staubreste, musste nachgeputzt werden.
Am Nachmittag gab es zwei Stunden Hausaufgabenzeit, egal wie viel man aufhatte. Fräulein Müller saß vorne an ihrem Platz und beobachtete genau, was die Mädchen taten. Dies war oft öde, die Heimschule hatte nicht so viel Stoff, dass man da zwei Stunden zu arbeiten gehabt hätte. Ich tat dann so, als ob ich schreibe. Verließ Fräulein Müller mal den Raum, wurde getuschelt. Nach der Hausaufgabenzeit blieb ja nicht mehr allzu viel Zeit über.

Fräulein Müller bestimmte, was dann gemacht wurde. Manchmal ging die Gruppe in den Park des Heimes, es wurde Völkerball gespielt. Spaziergänge waren meist nur am Wochenende. Gartenarbeit, Wege fegen, Laub aufsammeln gehörten auch sehr oft zum Programm am Nachmittag. Im Park gab es immer Arbeit. Im Sommer Schwimmbad schrubben, das ersparte die Umwälzpumpe.
Um 18 Uhr Abendessen, wie immer das gleiche Ritual, vorher und nachher beten, eventuell Tischdienst. Nach dem Abendessen war wieder Schweigen, wir mussten uns dann so früh schon ausziehen und waschen.

Um kurz vor 19 Uhr versammelten wir uns wieder im Tagesraum im Schlafanzug. Wir setzten uns in Reihen auf die Stühle und der Schwarzweißfernseher, der sich im Tagesraum befand, wurde eingeschaltet. Wir mussten uns die ZDF-Nachrichten anschauen. Nach den Nachrichten wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir mussten auf unser Zimmer, jeder in sein Bett. Das Licht durften wir noch eine kleine Weile anlassen, um etwas zu lesen. Kurz nach halb acht setzte sich Fräulein Müller in Marsch und lief durch die gesamte Gruppe in jedes Zimmer. Sie hatte ein bestimmtes Ritual, gute Nacht zu sagen. Sie kam in das Zimmer, gab jedem Mädchen ziemlich unterkühlt und distanziert die Hand und mit dem Finger machte sie einem ein Kreuz auf die Stirn. Danach musste das Licht gelöscht werden, und es sollte geschlafen werden. Die Zimmertüren mussten aufbleiben, damit Fräulein Müller in ihrem Zimmer am Ende des Flures alles hören konnte. Am nächsten Morgen ging alles von vorne los.

Am Sonntag war das Wecken etwas später, es musste nicht geputzt werden, sondern nur gekehrt. Sonntagmorgen war Gottesdienst in der Heimkapelle, später Mittagessen, dann Küchendienste. Die Küchendienste mussten auch sonntags verrichtet werden. Am Sonntagnachmittag war die Gruppenaktivität meist ein Spaziergang nach außen. Entweder an der Nidda entlang oder am Nonnenhof vorbei in den Wald. Wir mussten dabei in Zweierreihen marschieren.

Fräulein Müller und meist eine Praktikantin begleiteten den Spaziergang, Fräulein Müller vorweg, die Praktikantin meist hinten. Die Dorfbewohner nannten uns die Caritasweiber. Manchmal durfte man im Tagesraum am Wochenende eine von Fräulein Müller ausgewählte Sendung im Fernsehen anschauen. Das war nun mein neues Leben.

In der ersten Zeit im Heim ging es mir sehr schlecht. Zu den Gruppenmädchen fand ich keinen Kontakt. Anfänglich interessierten sie sich für meine mitgebrachten Sachen, vor allem für die Schallplatten, da ich ja das Neuste hatte, doch das Interesse ließ schnell nach. Die Mädchen standen alle wie unter Strom, hier gut zu funktionieren. Der Konkurrenzdruck war sehr hoch.

Wer am besten funktionierte, die verlangten Arbeiten gut erledigte, seine Sachen immer aufgeräumt hatte, erhielt Lob. Helga aus meinem Zimmer war so eine, die sehr zur Zufriedenheit der Erzieher funktionierte.
Als die Neue stand ich auf der Hierarchieliste ganz unten. Zwischen den beiden Zimmergenossinen und mir herrschte von Anfang an feindselige Atmosphäre. Freundschaften unter den Mädchen waren sowieso unerwünscht.

Schlossen sich Mädchen zu eng zusammen, so wurde das schnell unterbunden. Sie wurden als Lesben beschimpft, und notfalls wurde ein Mädchen verlegt. Die Gruppe, geschweige denn das Heim, durfte nicht verlassen werden. Nur in Verbindung mit einer vorgegebenen Gruppenaktivität mit allen unter Beaufsichtigung. Außenkontakte waren nicht erlaubt.

Alleinsein gab es so gut wie nie, wir wurden immer und überall hin begleitet. Briefe an erlaubte Kontaktpersonen durften einmal in der Woche geschrieben werden. Die Briefe mussten offen abgegeben werden, sie wurden zensiert, bzw. erst gar nicht erst abgesandt, falls etwas darin stand, was nicht im Sinne des Heimes war. Eingehende Briefe wurden ebenfalls erst zensiert, man erhielt sie geöffnet.

Ich schrieb meiner Großmutter einen Kommentar über das Geschirr und zwar in etwa so: ’Wir müssen hier von Blechtellern essen' dieses hässliche graue Geschirr sah halt für mich so aus. Daraufhin wurde ich zur Heimleiterin zitiert, welche mich beschimpfte, das sei doch teures Chromargan-Geschirr, wie ich das Heim so verunglimpfen könne. Die Heimleiterin und ihre Vertreterin waren auch zwei unverheiratete, ältere, grauhaarige Damen.

Von Seiten des Heimes wurde meine Vorgeschichte nie angesprochen, sie wurde unter den Tisch gekehrt. Mir wurde gesagt, dass ich mit niemandem darüber sprechen darf. Die Verbrennung war ja noch nicht ganz verheilt und man sagte den anderen Mädchen nur, dass ich erst mal keinen Sport mitmachen durfte.

Fräulein Müller und die Heimleitung, wussten, dass ich von meiner Mutter verbrannt worden war. Sonst niemand. Wie ich das verarbeite, hat niemanden interessiert. Einen Therapeuten oder Sozialarbeiter habe ich dort nie gesehen. Gespräche und Beratung von seitens des Heimes gab es auch nicht.

Es war schwer auszuhalten ­- der Druck, die Erniedrigungen, die extremen Einschränkungen, der absolute Mangel an Freundlichkeit, die viele Arbeit, der Mangel an kulturellen Reizen. Ich wollte wieder zurück nach Hause, aber das ging nicht. So litt ich still vor mich hin, war oft geistig abwesend und musste mich halt wohl oder übel in dieses Leben dort integrieren. In der Heimschule war ich auch geistig abwesend, ich konnte einfach keinem Schulunterricht folgen. Der Klassenlehrer bemerkte dies. Eines Tages schrie er mich an: ’Du bist ein Phlegma, weißt du, was das ist?' Ich verneinte, woraufhin er mir ein Wörterbuch hinknallte und sagte: ’Hier, schau nach.' Ich erinnere mich, dass ich las, dass ein Phlegma eine träge unbewegliche Sache sei, so in etwa. Das war ich also!

Die Kette von Beleidigungen und Demütigungen gegen mich ging gerade so weiter wie zu Hause. Die Beziehung im Heim zu allen Erziehern war distanziert und kühl. Fräulein Müller, die Gruppenmutter, war an sechs Tagen der Woche anwesend. An einem Tag hatte sie frei und da kam eine Vertretung, ebenfalls immer eine grauhaarige, ältere Person. Ich fragte mich, woher die Bezeichnung Gruppenmutter kam, Aufseherin wäre passender gewesen.

Die meisten Bestrafungen, soweit ich mich erinnere, waren wegen Verstoßes gegen das Schweigegebot oder wegen Weglaufens. Manchmal liefen Mädchen weg. Ich habe mich das nie getraut. Sie wurden meist sowieso nach kurzer Zeit wieder aufgegriffen und in das Heim zurückgebracht. Weglaufen und Verstoß gegen das Schweigegebot wurden mit mehrtägigem Einsperren in ein Arrestzimmer bestraft, Besinnungszimmer nannten sie es.

Es gab Arrestzimmer mit Fenster und ohne Fenster. Der Verbleib in einem Arrestzimmer konnte bis zu zwei Wochen sein, je nach ’Schwere' des Vergehens. Bestrafungen konnten auch Schläge oder Sonstiges aus nichtigen Anlässen sein. Ich wurde von der stellvertretenden Heimleiterin brutal ins Gesicht geschlagen, weil mir der BH-Träger unter dem T-Shirt herausrutschte. Das war unanständiges Verhalten.

Einmal pflückte ich mir im Park ein paar Äpfel vom Baum. Eine Erzieherin sah das, und ich wurde sofort zu einem Verhör einbestellt, auf das Übelste beschimpft, als Diebin bezeichnet, musste für jeden Apfel eine DM bezahlen, bekam 14 Tage keinen Nachtisch und drei Tage Arrest.

Man versuchte sich so weit es ging, unauffällig und angepasst zu verhalten, um Bestrafungen zu entgehen. Das Wichtigste im Heim waren die Kirche und der Glaube an Gott und züchtig zu bleiben. Neben den vielen Gebeten war es auch mehrmals pro Woche Pflicht, zur Kirche zu gehen und zu Beichten. Der Pfarrer fragte auch nach, ob man nicht noch was zu beichten hätte. Die Andachten fanden innerhalb des Heimes statt, in einer Kapelle, die zum Heim gehörte. Uns wurde vermittelt, die Welt draußen ist schlecht, deswegen keine Außenkontakte, im Heim sind wir geschützt.

Nach meiner Aufnahme im Mai waren bald die großen Sommerferien. Manche Kinder durften dann einige Tage nach Hause fahren, jedoch nie die ganzen Ferien. Da hatten die dann zu viel Angst wegen schlechter Einflüsse. Ich durfte nicht weg, da ich erst zu kurz in dem Heim war. Die Ferien waren schrecklich. Statt Schule mussten wir ganztags arbeiten, außer in den zwei Wochen, in denen wir mit dem Heim im Schwarzwald waren. Das war eine vom Heim organisierte Fahrt, die immer in den Sommerferien gemacht wurde. In dem Ferienhaus, welches vom Heim gemietet war, waren nur Kinder aus dem Heim.

Im Heim gab es wenig hauswirtschaftliches Personal. In der Großküche, in der Wäscherei, in der Gärtnerei und in der Müllerei gab es jeweils eine Angestellte, welche die Arbeiten überwachten, welche von Mädchen aus dem Heim verrichtet wurden. Die Mädchen, die hier ganztags arbeiten, waren besonders schlimm dran. Sie hatten im Heim die Hauptschule absolviert, und es wurde ihnen die Intelligenz abgesprochen, eine weiterführende Schule zu besuchen. Sie machten also eine “hauswirtschaftliche Lehre" und mussten ganztags schuften.

Abgeurteilt wurde man hier sehr schnell, da musste man aufpassen. In den Ferien wurde ich zu Arbeitsdiensten eingeteilt und musste ganztägig arbeiten. Ich beschloss, mich von jetzt an in der Schule anzustrengen, um nach der Hauptschule in die begehrte Gruppe zu kommen, in welcher die “intelligenten Mädchen" in Friedberg eine Berufsfachschule besuchten und die mittlere Reife erwarben.

Einmal im Monat, jeden vierten Sonntag war Besuchstag, das ging von 14 bis
18 Uhr. Es durften nur enge Angehörige kommen. Meistens kamen dann meine Mutter und Franz, da der ein Auto besaß. Wir fuhren dann in die nahegelegene Kreisstadt Friedberg Kaffee trinken. Das war die einzige Gelegenheit, mal aus dem Heim raus zu kommen. Ich fuhr also mit den zwei Menschen weg, die mir so viel angetan hatten. Das erschien mir besser, als das Sonntagsprogramm im Heim.

Ich durfte das erste Mal wieder nach Hause im Dezember 1970, und zwar vom 25.12. bis 30.12. Heiligabend und Silvester mussten im Heim verbracht werden. Abgeholt wurde ich von Franz mit dem Auto, auch hier nutzte er gleich die Gelegenheit und zwang mich erst mal mit ihm nach Hause zu kommen, um sexuelle Handlungen an mir vorzunehmen. Ich kann nicht genau sagen, wie lange dies ging, irgendwann hatte ich im Heim Angst, ich könne schwanger sein und erzählte dies einem Mädchen, das dies meldete. Das war circa 1971 oder 1972.

Daraufhin wurde meine Mutter in das Heim bestellt und dem Jugendamt Meldung gemacht, danach hörte der Missbrauch auf, weil Franz ein Kontaktverbot vom Jugendamt bekam und ich dann künftige Heimreisen mit dem Zug machte. Die Heimleiterin sagte zu meiner Mutter, dass ich ein böses Kind sei, den armen Onkel so in die Pfanne zu hauen. Da hatten wir es mal wieder!

Ich wagte es auch einmal im Heim, das Schweigen zu brechen. Daraufhin musste ich im Erdgeschoß schlafen, wo ich in ein Zimmer gesperrt wurde. Im Erdgeschoß war ich allein, nachts war dort niemand. Ich öffnete das Fenster, welches ja vergittert war und es kam ein Junge aus dem Dorf zum Gitter und sprach mit mir, sonst ist nichts passiert. Am nächsten Tag, der Vorfall wurde beobachtet, gab es ein Riesentheater. Es sei was ganz Schlimmes passiert, es seien Jungs angelockt worden.
Ich schlief dann wieder in meinem Zimmer, an die Strafe kann ich mich nicht mehr erinnern, irgendwas erfolgte aber. Meine Zimmergenossin Eva kam aus einem ihrer Heimaturlaube zurück und war schwanger. Sie musste das Kind austragen. Das Leben ging dann halt so seinen Gang, ich gewöhnte mich an das Leben im Heim, was blieb mir auch anderes.

Es gab auch Kinder, die wegliefen, ich traute mich dies aber nicht. Meist wurden sie schnell wieder aufgegriffen und kamen oft in ein anderes Heim, wo es angeblich noch schlimmer sein soll. 1972 kam ich in eine andere Gruppe, wo ich von 1972 bis 1974 außerhalb des Heimes in Friedberg die Berufsfachschule besuchte. Das war eine kleine Verbesserung. Ich ging mit noch zwei anderen Mädchen aus dem Heim in dieselbe Klasse. Wir fuhren mit dem Bus nach Friedberg. Es wurde aber genau darauf geachtet, dass wir keine Zeit in der Stadt verbrachten. Der Stundenplan lag dem Heim vor, fuhr nicht unmittelbar nach Schulschluss ein Bus nach Ilbenstadt, wurden wir vom Heimbus abgeholt. Kontakte und gegenseitige Besuche mit den dortigen Klassenkameradinnen gab es nicht.

1973 verstarb meine Großmutter. Im Heim litt ich trotz der verbesserten Gruppensituation immer noch unter dieser restriktiven Heimleitung, nichts durfte man. Im Sommer 1973 war in Ilbenstadt Dorfkirmes. Es waren Sommerferien. Ich wäre gerne mal mit einem Mädchen dorthin, mit 16 möchte man ja schließlich auch mal was unternehmen. Natürlich bekamen wir das wieder verboten. Darüber war ich sehr wütend. Ich war mittlerweile 16 und wollte mal meinem Alter entsprechend etwas unternehmen. Ich wollte mich diesen Regeln einfach nicht mehr fügen.

Mir fiel da was ein. Ich klügelte mit einem Mädchen, sie hieß Heidi, einen Plan aus. Wir hatten abends Küchendienst und erhielten den Generalschlüssel, um das Geschirr in die Hauptküche zu bringen. Wir schlossen uns eine Seitentür im Haus und ein kleines Tor an der Parkmauer des Heimes auf, dies bemerkte niemand. Wir schlichen uns dann des Nachts raus und gingen zur Kirmes. Es war lustig, wir sprachen mit Jungen, aber es war völlig harmlos, und wir gingen bald darauf wieder in das Heim zurück. Niemand hatte etwas bemerkt. Da Ferien waren, fiel niemand die unverschlossenene Tür auf. Heidi verschwand dann jede Nacht, ich hatte genug von dem einen Mal.

Ich war für einige Tage danach zum Urlaub zu Hause, anschließend war ich zu einer Jugendfreizeit nach Italien angemeldet. Das war die erste offene Freizeit in einer Jugendgruppe, in der ich hätte mitfahren dürfen. Die vorigen Freizeiten in den Sommerferien waren nur vom Heim und nur mit Heimerziehern und Kindern. Während des Urlaubes zu Hause kam ein Telegramm vom Heim, meine Mutter möge sich sofort melden, wir hatten immer noch kein Telefon. Meine Mutter rief von der Telefonzelle aus an und die Heimleiterin befahl meine sofortige Rückreise in das Heim. Der nächtliche Kirmesgang wurde von einem Mädchen verpetzt. Wer petzte, war da gut angesehen.

Ich verweigerte die sofortige Rückreise und bin zum Jugendamt und habe denen gesagt, dass ich auf keinen Fall dorthin zurück ginge. Ich hatte mittlerweile ein kinderloses Ehepaar in Ilbenstadt kennen gelernt, das mir anbot, mich aufzunehmen. Die Frau war Sozialpädagogin und fuhr morgens im Bus nach Friedberg zur Arbeit, dadurch lernte ich sie kennen. Sie fanden die Zustände im Heim auch unmöglich. Ich sagte dem Jugendamt, ich möchte zu diesem Ehepaar. Der Mann beim Jugendamt sagte dann zu mir, das habe er ja noch nie erlebt, dass eine solche Rotzgöre wie ich solche Forderungen stelle und ich hätte ins Heim zurückzugehen.

Ich sagte noch zu ihm, ich weiß, was mir dann dort blüht, ich darf nicht mit zu dieser Freizeit und werde zum Arbeitsdienst eingeteilt. Er versprach mir hoch und heilig, er würde persönlich dafür Sorge tragen, dass ich mit zu dieser Freizeit dürfe. Ich fuhr dann nicht sofort, das verweigerte ich, aber zu dem ausgemachten Rückreisetermin in das Heim. Dass es ein knallhartes Gespräch geben würde, war klar. Meine Mutter fuhr mit und ich sagte zu ihr:

’So, einmal im Leben stellst du dich hier und jetzt auf meine Seite.' Zu Hause bejahte sie dies noch. Nach dem Gespräch mit der Heimleiterin sah ich es schon an ihrem Gesicht, auf wessen Seite sie sich gestellt hatte, nicht auf meine.

Sie sagte, die Version der Heimleiterin wäre ihr jetzt plausibel erschienen und sie hätte ihre Meinung halt geändert. Wie konnte ich auch nur eine Minute glauben, meine Mutter würde sich einmal auf meine Seite stellen. Ich hatte verloren, die Ferien waren gelaufen. Auch der vom Jugendamt hielt sein Versprechen nicht ein. Es wurden die schlimmsten Ferien meines Lebens. Ich musste von morgens bis abends auf den Knien die Böden schrubben, die Ferien nahmen kein Ende. Es war einfach nur schrecklich. Wegen so einer Kleinigkeit so eine Strafe. Als es endlich vorbei war, war ich so froh, wieder zur Schule gehen zu dürfen. Heidi habe ich nie wieder gesehen, sie wurde aus dem Heim entfernt. Somit konnte sie auch ihre Berufsfachschule nicht fertig machen, sie ging mit mir in eine Klasse. Keiner wusste, wo man sie hingebracht hatte. Und nur, weil dieses Mädchen ein paar Mal unerlaubt auf der Dorfkirmes war, machte man ihr den Schulabschluss kaputt.

1974 kam in Ilbenstadt die Wende. Die Heimleitung war mittlerweile zu alt geworden und konnte das Heim nicht mehr weiter führen. Im Januar 1974 übernahm ein ausgebildeter Psychologe die Heimleitung. Er zog mit seiner Familie in die Gruppenwohnung der ehemaligen Heimleitung. Die Rahmenbedingungen wurden gelockert. Ab sofort wurden wir nicht mehr wie Gefängnisinsassen behandelt. Wir bekamen Ausgang. Wir gingen an Fasching zu einem Maskenball im Ort, das war echt klasse und machte allen Spaß. Die Dorfbewohner stellten verwundert fest, das sind ja ganz normale Mädchen. Die dachten immer, was sind das für komische Wesen, die da hinter diese Mauern eingesperrt sind.
Ich ging in den örtlichen Judoverein, was ich schon immer machen wollte.
Ich durfte auch abends mit denen ausgehen. Somit war das letzte halbe Jahr der Heimzeit viel erträglicher. Ich musste mir in diesem halben Jahr auch Gedanken machen, wie es nach dem Schulabschluss weitergeht. Ich entschied mich für eine Ausbildung zur Krankenschwester. Vorbereitungen und Hilfestellungen für die Zeit nach dem Heim gab es nicht.

Mit 17 wurde ich entlassen und war von da an auf mich alleine gestellt, obwohl noch nicht volljährig, kümmerte sich niemand mehr um mich. Ich hatte große Schwierigkeiten, mit Menschen und Beziehungen in meiner Umgebung klarzukommen. Die festen Strukturen im Heim hatten mich so geprägt, dass ich irgendwie gar nicht fähig war, allein ohne Druck und Vorschriften zu leben. Der Aufbau von Freundschaften oder gar Liebesbeziehungen gelang einfach nicht. Mit einem Mann eine Beziehung aufzubauen, gelang mir nicht, ich hatte nur Affären.

Ich erlebte nur das, was ich schon kannte, Distanziertheit und Bindungslosigkeit. Ich verliebte mich oft in einen Mann, der zwar mit mir ins Bett ging, aber keine feste, verbindliche Beziehung zu mir wollte. Ich erlebte wieder diese Ablehnung, wie ich sie schon aus der Kindheit kannte, auch Beleidigungen und Demütigungen. Ich war naiv, dachte der Traumprinz kommt und alles wird gut. Er kam nicht. Ich wurde wie meine Mutter alleinerziehend. Der Makel, ein Heimkind zu sein, nichts wert zu sein, bleibt für immer haften."

Foto: Fotolia, Torsten Tracht

Foto: Fotolia, Torsten Tracht

Monika Siebert

Die Wiesbadenerin Monika Siebert (ihren und alle folgenden Namen von der Redaktion geändert) war Anfang der Siebzigerjahre in einem Heim im hessischen Niddatal-Ilbenstadt untergebracht. Ihre persönlichen Erinnerungen hat sie aufgeschrieben.

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