Von Joachim Atzbach
Es gibt keine Ausrede, die Rotlichtsündern nicht schon eingefallen wäre: Die städtischen Verkehrsüberwacher sind da abgebrüht. Im vergangenen Jahr schlug der Blitz in Wiesbaden 4474 Mal zu.
Endlich Grün! Aber noch fünf Autos vor der Kreuzung Boelckestraße/Otto-Suhr-Ring vor mir. Die Ampel springt auf Gelb. Der BMW vor mir hat es mit einem Mal sehr eilig. Ein hastiger Blick auf die Uhr:
„Verdammt, nur noch zehn Minuten bis zum Termin in Bierstadt.“ Jetzt heißt es „Augen zu und durch“.
Aus dem Starenkasten rechts vor mir blitzt es zum Gotterbarmen. Das gibt¹s doch nicht - da muss tatsächlich noch einer hinter mir über die Ampel sein.
Doch der Blick in den Rückspiegel will überhaupt nichts Gutes verheißen: Kein Auto weit und breit. Jedenfalls keines, das noch hinter mir die Rotlichtüberwachungsanlage ausgelöst haben könnte.
Fahrverbot droht
Das große Zittern beginnt. War die Ampel nur ein bisschen Rot oder so richtig Rot? Schließlich, nach 14 Tagen, bringt der Brief aus Kassel Klarheit: 1,1 Sekunden Rotphase bedeuten, abzüglich der zehnprozentigen Toleranz, eine Geldbuße und Punkte in Flensburg. Kein Fahrverbot. Das heißt, noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.
Eugen Rosche grient ziemlich unbeeindruckt, als ihm da die Armesündergeschichte präsentiert wird. Doch dann wird der Leiter des Ordnungsamtsbereiches Radar/Rotlicht unvermittelt ernst. „Eine Sekunde Rotphase ist schon relativ lang“, rechnet er vor. „Bei 50 Stundenkilometern legt ein Auto pro Sekunde 14 Meter zurück und vor dem Rotlicht kommt eine Gelbphase von mindestens drei Sekunden. Also mehr als genügend Zeit und Strecke zum Bremsen.“ Dennoch sind es in Wiesbaden Jahr für Jahr tausende Autofahrer, die sich und die Verkehrssituation nicht richtig einschätzen. Im vergangenen Jahr schlug der Blitz 4474 mal zu, im Jahr davor etwa gleich oft, 2006 war es noch 5126 mal.
Ob angesichts dieser Zahlen wenigstens der Oberbürgermeister in seiner Zweitfunktion als Stadtkämmerer ins Jubeln kommt? Rosche schüttelt nur den Kopf. „Wiesbaden verdient kaum etwas daran.“ Zu Rosches kaum verhohlenem Kummer ist die Landeshauptstadt als Betreiber der Anlage nur mit 15,34 Euro pro Verstoß beteiligt. Den Reibach macht die zentrale Bußgeldstelle beim Kasseler Regierungspräsidenten, somit das Land Hessen. Wenn man weiß, dass es den übrigen hessischen Kommunen nicht besser ergeht, ist es nur zu gut verständlich, das sämtliche Anläufe zur Neuverteilung des Kuchens bisher von Landesseite mit Vehemenz abgeblockt wurden.
Übrigens, es blitzt immer zweimal. Eineinhalb Meter vor der Haltelinie baut sich bei Rot ein Induktionsschleifenfeld elektromagnetisch auf. Durch Befahren dieses Feldes wird die Kamera zum ersten Mal ausgelöst. Auf der Kreuzung schlägt dann das gleiche Patent zum zweiten Mal zu. Erst dann hat das Ordnungsamt den schlüssigen Beweis, dass in die Kreuzung eingefahren wurde.
In seiner Amtszeit hat Rosche wohl schon alle Ausreden der Welt gehört. „Ich musste dem Krankenwagen Platz machen“, ist mit die Gängigste. Wenn dann kein Einsatzfahrzeug auf dem Foto sichtbar ist, überführt Rosche den Rotlichtsünder zuverlässig anhand der Fahrzeugposition oder mittels der errechneten Geschwindigkeit. Bei „ich habe eine schwache Blase“, ist ein Attest vorzulegen. Eine „drohende“ Geburt wurde prompt in den Dr. Horst-Schmidt-Kliniken nachgeprüft - und erwies sich dann als wahr.
Für die „Starenkasten“-Geschwindigkeitsmessanlagen (siehe Infobox) hat Rosche nur zwei analoge Traffiphot III-Kameras zur Verfügung. Damit alle drei Standorte übers Jahr etwa gleich bedient werden, wird alle drei bis vier Monate gewechselt. Hier bleiben dem Stadtsäckel sogar nur 11,76 Euro pro eingeleitetes Bußgeldverfahren. Was die Landeshauptstadt nicht unbedingt dazu verlockt, die für eine weitere moderne PoliScanSpeed-Anlage notwendigen 90 000 Euro in die Hand zu nehmen. So muss die Doppel-Anlage auf der Schiersteiner Straße vorerst mit nur einem der 60.000 Euro kostenden Messgeräte auskommen.

