Von Julia Anderton
Füchse, Marder, Rehe und Wildschweine zieht es aus dem Wald hinaus
WIESBADEN Nicht nur Haustiere haben in der Stadt ihr Zuhause, auch Wildtiere erobern häufig die Straßen. Während Rehe und Wildschweine die Ausnahmen bilden, sind Marder und Füchse das Stadtleben längst gewohnt - meist unbemerkt von den menschlichen Bewohnern.
Wer tief im Wald spazieren geht, muss damit rechnen, einem Wildschwein zu begegnen - aber ein Spielplatz gehört definitiv nicht zu den "heißen" Territorien. Daher war der Schreck groß, als Ende August plötzlich eine Bache mit ihrem Jungtier zwischen Sandkasten und Schaukel aufkreuzte. Passanten besprühten sie mit Tränengas, worauf das Tier aggressiv wurde und auf eine unbeteiligte Frau samt ihrer zwei Kinder los ging. Glücklicherweise konnten die Drei sich auf ein Klettergerüst retten, bis ein Polizist, der auch Jäger ist, das Tier erlegte. Einen solchen Zwischenfall wie in Frankfurt hat es in Wiesbaden bislang noch nicht gegeben. Trotzdem kennt man auch hier Situationen, in denen Wildschweine ihr Revier Richtung Stadt verlassen haben: In den vergangenen zwei Jahren wurde der Sonnenberger Friedhof so massiv von den Tieren auf Nahrungssuche heimgesucht, dass die Angehörigen der verwüsteten Gräber zunächst an Vandalismus glaubten. Seit jedoch ein Metallzaun errichtet wurde, den die Wildschweine nicht niedertrampeln können, sei Ruhe eingekehrt, sagt Thomas Bäder, Abteilungsleiter für den Bereich Friedhof und Grünfläche. Auch Kreislandwirt Bernd Eismann bestätigt, dass dieses Jahr bislang vergleichsweise ruhig ausfällt: "Voriges Jahr gab es eine regelrechte Plage." Gravierende Schäden Da fielen die Wildschweine in die Raps- und Getreidefelder ein, wo sie gravierende Schäden hinterließen. Im Unterschied zu Privatpersonen, denen Wildtiere die Gärten verwüsten, haben Landwirte Anspruch auf Entschädigung. Wenn Wildschweine Friedhöfe oder Gärten heimsuchen, tun sie das vor allem in den Jahren, in denen es besonders viele Eicheln und Bucheckern gibt, erklärt Klaus Röther, Pressesprecher des Landesjagdverbands Hessen. Denn das dadurch aufgenommene pflanzliche Eiweiß braucht als Ausgleich tierisches Eiweiß, das in Larven zu finden ist. Und weil die in Gräbern und Gartenbeeten besonders leicht aufzustöbern sind, zieht es viele Wildschweine vom Wald an den Stadtrand. Diesen Herbst könnte es bald wieder soweit sein: das milde Klima im Frühling hat bewirkt, dass die Eichen nun besonders viele Früchte tragen. Im Unterschied zu Wildschweinen verirren sich Rehe übrigens nur selten in die Stadt: Sie suchen laut Röther höchstens Schrebergärten auf, wo sie die Rosenblätter abknabbern. Rennt doch mal ein Reh durch die Straßen, liegt das daran, dass es von einem Hund aufgespürt wurde, der es hetzt. Während sich in Kassel viele Waschbären - oft unbemerkt von den Bewohnern - auf Speichern eingenistet haben, sind sie in Wiesbaden kein Thema. Dafür gibt es hier sehr viele Marder und Füchse, weiß Hans-Peter Erkel, Abteilungsleiter des Amtes für Gefahrenabwehr. Füchse sind typische Kulturfolger, das bedeutet, sie ernähren sich von menschlichen Essensresten. "Wir haben immer wieder Probleme mit zu vielen Füchsen" , sagt Erkel. "Kein Wunder, es gibt ja auch genug Nahrungsangebote für sie auf dem Luisenplatz oder dem Platz der Deutschen Einheit: Schulbrote, Pizza, Hamburgerreste." Zudem werden sie von Biotonnen angelockt sowie von Komposthaufen, die in vielen Vororten nach wie vor existieren. Auch auf dem Südfriedhof, im Aukamm und Parkfeld tummeln sich immer wieder Füchse, das Zusammenleben mit den Menschen verläuft jedoch meist unproblematisch. Es sei denn, man unterschätzt die Tatsache, dass Füchse nach wie vor Wildtiere sind - und handelt sich einen Biss ein, was in Bezug auf das Übertragungsrisiko für Tollwut und den Fuchsbandwurm nicht ungefährlich ist. Röther weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass eine sofortige Impfung das Risiko, tatsächlich an Tollwut zu erkranken, minimiert. Haustiere fernhalten Bei Haustieren sieht die Situation anders aus; sie übertragen die Krankheit nicht nur, sondern verenden daran, weswegen man unbedingt darauf achten sollte, Hunde und Katzen von Füchsen fern zu halten. Und wer in seinem Garten Beeren gepflanzt hat, die sich nah an der Erde befinden, sollte die Früchte vor dem Verspeisen gut abwaschen oder sogar erhitzen und zu Marmelade verarbeiten, um die Erreger des Fuchsbandwurms abzutöten, die sich in dem Kot der Tiere befinden. Größere Schäden richten nach wie vor auch in Wiesbaden Marder an, die in Autos Zündkabel oder Wasserschläuche anknabbern: Rund 16 000 Mal im Jahr wird der ADAC bundesweit zu Pannen gerufen, die durch Marderbisse entstanden sind.

