Von Manfred Gerber
Die Kuratorin Astrid Wegner sprudelt über vor Ideen zu Wiesbaden
Im Stadtarchiv hat sie zuletzt die Industrieausstellung über Kalle, Albert und Dyckerhoff organisiert: die freie Kuratorin Astrid Wegner (47). Zuvor managte sie die Bilder-Schau über Kindheit im Kaiserreich. Die Ausstellung zum 100. Kurhaus-Jubiläum basierte weitgehend auf ihren Recherchen. Die Mainzerin, die eng mit dem Stadtarchiv, dem Projektbüro Stadtmuseum und der Stabsstelle Weltkulturerbe zusammenarbeitet, hat in Wiesbaden noch einiges vor. Und sprudelt geradezu über vor Ideen. Wie das überhaupt geht, wenn man jeden Tag von Mainz nach Wiesbaden pendelt? Bestens, sagt sie. Denn gerade weil sie so täglich immer wieder Distanz zur alten Weltkurstadt schafft und neben der Faszination der Innensicht den Blick "von außen" behält, geht ihr - im Gegensatz zu manchen Wiesbadenern - der Sinn für die Schönheit der Stadt nie verloren. Astrid Wegner hat in Frankfurt Kulturwissenschaften, Romanistik und Kunstgeschichte studiert und in Mainz PR-Management gelernt. Frankophil ist sie, aber seit sie in Kalabrien ein Intermezzo als Au-pair-Mädchen eingelegt hat, wendet sie sich mehr der Kultur Italiens zu. Und wie sieht die Mainzerin Wiesbaden? "Den Wiesbadener gibt es nicht." Es falle ihr jedoch "eine Art Wiesbadener Separatismus" auf: x-verschiedene Interessensgruppen, die viel zu viel gegeneinander oder aneinander vorbei arbeiten. Auch dass manche Entscheidungsprozesse sehr lange dauern, kommt ihr typisch Wiesbadenerisch vor. Ganze Aktenbündel hat sie durchforstet, die dokumentieren, wie zäh sich die Debatte um den Kurhausneubau hingezogen hat. Aber die Wiesbadener, hat Astrid Wegner festgestellt, sind in den letzten Jahren immer stolzer auf ihre Stadt geworden und sich bewusst, dass ihre Eltern oder Großeltern die Stadt mit auf- oder wiederaufgebaut haben. Das Vertrauen, das man ihr entgegenbringt, ist ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Nicht jedem überlässt man ein Bild aus dem Familienalbum, einen Brief oder ein Erbstück für eine Ausstellung. Astrid Wegner nähert sich auf unkonventionelle Art der Geschichte. Sie schafft es, Alltag mit Außergewöhnlichem zu verbinden, spürt im scheinbar Unscheinbaren Aussagekräftiges auf. So würde sie gerne einmal eine Ausstellung über die Geschichte des Geschwätzes in Wiesbaden machen. Rekonstruieren, wie die Wiesbadener den Kurbetrieb gesehen haben und ihren Blick in Kontrast zur Selbstwahrnehmung der Kurgäste stellen. Verschiedene Perspektiven also einnehmen, um so das Ganze zu erfassen. Auch Kunst und Naturwissenschaften zu verbinden, zum Beispiel im Landesmuseum, reizt die frühere Rheinhessen-Meisterin im Degen- und Florettfechten. An der Ausstellung 150 Jahre Russische Kirche hat Astrid Wegner mitgewirkt, für die SEG die Geschichte des Walhalla recherchiert. Mit Stadtarchivdirektorin Brigitte Streich arbeitet sie gerne zusammen, weil die ihr Freiräume für kreatives Schaffen lässt.

