Von Wolfgang Degen
Wiesbadener findet rund 400 000 Euro im Zug / Bahn beruft sich aufs Gesetz: Rund 6000 Euro Finderlohn reichen
Die Neugierde muss ihn damals getrieben haben, meint Klaus Müller (Name geändert). Das hat am 3. Oktober 2006 gegen halb vier, kurz vor Frankfurt, zur Folge, dass er sich bückt, nach dieser blauen Tüte greift. Die Müllers, Klaus und seine Frau Barbara, Rentner, sind auf der Heimreise von Berlin, unterwegs im ICE nach Frankfurt. Vielleicht haben andere vor ihm den hervorlugenden Plastikfetzen ignoriert. Eine Zug-Toilette ist wahrlich kein Ort, wo man nach Dingen greift, die einem nicht gehören. Auch dann nicht, wenn es eine Tüte mit dem Aufdruck eines New Yorker Friseur-Geschäftes ist. Müller nimmt sie hoch, guckt hinein und erstarrt: Er sieht Geldbündel. Packenweise Euro, 500er-Scheine, dazu Dollarnoten. Ein Haufen Geld. Müller atmet schwer. Kein Witz, kein Traum, kein Film. Die Tüte und ihr Inhalt sind Wirklichkeit. Ein paar Minuten wartet er auf dem Gang. Einer muss das Geld doch vermissen. Niemand lässt sich blicken. Müller geht ins Abteil, verstaut die Tüte in seinem Koffer. Ein Fehler, wie er heute sagt. "Ich hätte sie beim Schaffner abliefern sollen." Er habe damals nicht gewusst, was er machen sollte. Seine Frau kriegt von all dem nichts mit. Am nächsten Tag packt Müller vor seiner Frau aus. Erst die Geschichte, dann die Tüte. Kurz darauf sitzen sie am Wohnzimmertisch. Zählen. Einmal, zweimal, dreimal. 391 000 Euro, 9000 Dollar. Das kann doch unmöglich echtes Geld sein, denkt sie. Dann schleicht sich Angst ein. Was ist, wenn das Geld Kriminellen gehört? Wenn sie uns verfolgt haben? Sind sie es, die jetzt klingeln? "Ich habe in der Nacht kein Auge zumachen können", sagt Barbara. Zwei weitere Tage lassen sie das Geld in ihrer Wohnung. Der Packen wird zum Albtraum. Sie rufen ihren Anwalt an, Gerhard Hofe. Er macht ihnen die Rechtslage klar, das Geld ist abzuliefern. Am 6. Oktober 2006 staunen sie im Polizeirevier nicht wenig, als die Tüte auf dem Schreibtisch liegt. Der Fund wird zum Vorgang, auf Spuren untersucht. Es findet sich nichts. Viel Zeit verstreicht darüber. Im März 2008 wird das Geld bei der Deutschen Bundesbank auf ein Konto der Bahn einbezahlt. Im Mai meldet sich das Fundbüro der DB Station&Service AG bei Müller und "dankt recht herzlich" für das "aufrichtige Verhalten". Nach dem Dank hagelt es Paragrafen, Müller wird bewusst - beim Finderlohn wird die Bahn keinen Cent mehr zahlen, als sie nach dem Gesetz verpflichtet ist. Rund 6000 Euro werden es sein, so Anwalt Hofe, sollte sich bis zum 3. Oktober 2009 kein "Verlierer" des Geldes finden. Im Juli lehnt die Bahn AG eine Aufstockung des Finderlohnes ab, Hofe hatte das vorgeschlagen. "Ehrlichkeit sollte doch belohnt werden", sagt Müller. Vor Jahren hatte er die Handtasche einer Amerikanerin gefunden, mit 21 000 Dollar. Die Frau, überglücklich, belohnte den Ehrlichen - mit 2000 Dollar. Rund 6000 Euro bei fast 400 000 Euro, da stimme das Verhältnis Fund und Finderlohn nicht, meint Müller. "Die Bahn hat nichts gemacht, streicht aber viel Geld ein." Anwalt Hofe nennt deren Verhalten "kleinlich". Freunde, vom Rentner eingeweiht, kommentierten lapidar. "Du bist doof gewesen!" Finder Müller beschwört die Ehrlichkeit. "Ich würde es immer wieder abliefern." Von der Bahn gab es die zugesagte Stellungnahme gestern nicht.

