„Weltoffen und voller Leben“ - Interview zur Städtepartnerschaft
19.01.2011 - WIESBADEN
INTERVIEW Was Edzard Reuter jenen erwidert, die Istanbul-Fatih als „Hochburg der Islamisten“ einordnen
In einem zusammenwachsenden Europa kann es hilfreich sein, dass die Bürgerinnen und Bürger sich näher kennenlernen. Wenn, wie ich hoffe, der Eintrittsprozess der Türkei zur EU zu einem positiven Abschluss kommt, ist es sehr wichtig, dass wir wieder zu einem Europa der Bürger finden.
Weil Fatih angeblich eine Hochburg der Islamisten sein soll, gehen CDU und SPD in Wiesbaden nun auf Distanz zur geplanten Städtepartnerschaft.
Ich beobachte und kenne Istanbul auch heute noch sehr genau. Ich kann darüber eigentlich nur lächeln: Fatih ist ein Stadtteil voller Leben, voll von wirtschaftlichem Geschehen und Weltoffenheit. Diesen Stadtteil als Hochburg des Islamismus zu bezeichnen, würde ich als kühne Übertreibung empfinden. Das erklärt sich nur aus der Debatte, die durch das höchst unglückliche und unzulässige Buch von Thilo Sarrazin ausgelöst wurde.
Hier wird gestreut, es gebe in Fatih „eine hohe Dichte an vollkommen verhüllten Frauen und bärtigen Männern in langen Gewändern“. Das erwecke „eine befremdliche, beinahe mittelalterliche Anmutung“.
Jedem, der das sagt, empfehle ich nach Istanbul zu fahren und in den Straßen von Fatih die Augen offen zu halten: Das eigentlich klassische Konstantinopel mit der Hagia Sophia ist eine Hochburg des Tourismus. Man sieht in der Tat auch in anderen Städten der Türkei Frauen, die Kopftuch tragen und möglicherweise einen etwas längeren Rock, die aber neben einer Freundin gehen, die modern, vielleicht sogar ultramodern angezogen ist. Das ist Teil des täglichen Lebens. Mit Islamismus hat das nichts zu tun.
Fatih ist sicherlich eine Hochburg der in der Türkei regierenden AKP, die mit Mustafa Demir den Bürgermeister stellt. Wie hält es die AKP mit der Religion?
Sie brauchen ja nur den Ministerpräsidenten oder den Staatspräsidenten als Beispiel zu nehmen. Beide sind verheiratet mit Frauen, die ein Kopftuch tragen. Wenn Sie sich mit denen unterhalten, wundern Sie sich, wie selbstständig und selbstbewusst diese Frauen sind. So wie ich das Ehepaar Demir kennengelernt habe, wünschte ich mir, es gäbe in Deutschland viele solcher selbstbewussten und unabhängigen Frauen. Auch Frau Demir trägt ein Kopftuch.
Das Türkei-Bild der Deutschen ist von Überzeichnungen geprägt. Als ihr Vater 1946 nach Berlin zurückkehrte, schlug ihm Polemik entgegen. „Kann ein Türke Oberbürgermeister werden?“, lautete die Frage der SED. Heute wird Türken vielfach nachgesagt, sie seien rückständig oder islamistisch. Woran liegt das?
Das liegt an dem Eindruck, den viele hier in Deutschland von jenen Migranten haben, die in unseren Städten fast schon in Gettos leben. Die Überzeichnungen sind letztendlich Auswirkungen von sozialen Problemen. Viele Migranten sind arbeitslos und haben unsere Sprache nicht richtig gelernt. Sie fühlen sich fremd hier. Und wer sich fremd fühlt, neigt dazu, sich in den sicheren Hafen seiner eigenen Tradition zu flüchten. Dazu zählen auch Traditionen aus Anatolien, die nicht mit dem Islam zusammenhängen müssen. Das sind sehr ländliche Traditionen, die stark die Rolle des Mannes als Familienchef betonen.
Und wie hat Ihr Vater auf die Frage reagiert: Kann ein Türke Oberbürgermeister werden?
Der Satz kam vom Zentralorgan der SED, die von Anfang an in meinem Vater einen politischen Gegner gesehen hatte. Das lächerliche Argument hat in Berlin kein Mensch ernst genommen. Das Ergebnis ist bekannt: Mein Vater war ein hoch beliebter Mensch im Nachkriegs-Berlin und hat eine Rolle für Deutschlands Geschichte gespielt.
Und er ist trotz dieser Kampagne mit 64 Prozent der Stimmen zum Oberbürgermeister gewählt worden.
So ist es.
Das Gespräch führte Christoph Cuntz.
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