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Wiesbaden 

„Weltoffen und voller Leben“ - Interview zur Städtepartnerschaft

19.01.2011 - WIESBADEN

INTERVIEW Was Edzard Reuter jenen erwidert, die Istanbul-Fatih als „Hochburg der Islamisten“ einordnen

Eigentlich ist es bereits beschlossene Sache: Wiesbaden soll eine Partnerschaft mit Fatih, einem Stadtteil von Istanbul, eingehen. Doch CDU und SPD haben das Projekt vor der Kommunalwahl auf Eis gelegt. Dazu sprach diese Zeitung mit Edzard Reuter, der Istanbul aus seiner Kindheit kennt und die Türkei seine „zweite Heimat“ nennt.

Herr Reuter, was sagt Ihnen das Wort „haymatloz“?

Damit verbinde ich zunächst einmal eine wunderbare Ausstellung, die durch deutsche Städte geht und auch in der Türkei gezeigt worden ist. Sie schildert den Aufenthalt und das Wirken deutscher Emigranten in der Türkei nach 1933. Das Wort „haymatloz“ ist von den türkischen Behörden damals in dieser Bedeutung verwendet worden. Es spiegelt wider, was es bedeutet, in einem fremden Land zu leben, ohne sich dort wirklich zu Hause fühlen zu können.


Sie waren selbst ein „Haymatlozer“: Ihre Familie hatte in der Zeit der Nazidiktatur Aufnahme in der Türkei gefunden.

Ich war dort bestimmt nicht heimatlos. Die Türkei ist meine zweite Heimat. Darüber bin ich glücklich und stolz. Ich bin dort aufgewachsen.


Wie haben Sie als Jugendlicher die Türken erlebt?

Als ganz normale Freunde. Ich hatte die türkischen Kinder auf der Straße kennengelernt, bin mit ihnen zusammen groß geworden…

…das war in Ankara…

..und wir haben uns von gleich zu gleich gut verstanden. Wir haben miteinander gerauft. Schließlich hatte ich mich auch verknallt in ein türkisches Mädchen.

Kennen Sie Istanbul?

Es war damals üblich, dass die, die es sich leisten konnten, in den heißen Sommermonaten nach Istanbul umzogen. Wir waren dann regelmäßig zu Gast bei Emigrantenfamilien.

In Wiesbaden besteht seit zwei Jahren die erklärte Absicht mit Istanbul-Fatih - dem Stadtteil der Millionen-Metropole, der innerhalb der Mauern des alten Konstantinopels liegt - eine Städtepartnerschaft zu begründen. Welchen Wert, welche Bedeutung kann eine solche Verbindung für die beiden Kommunen haben?

Städtepartnerschaften sind vielfach umstritten, weil nicht in jedem einzelnen Fall die Erwartungen erfüllt werden, die ursprünglich damit verknüpft waren. Aber der Grundgedanke ist richtig, dass sich die Bürger der beteiligten Städte auf kulturellem Gebiet und in wirtschaftlicher Hinsicht austauschen sollen. Wiesbaden und Istanbul-Fatih können sich beide auf eine große kulturelle Tradition berufen.

Was könnte Wiesbaden von Fatih lernen?

Ich bin kein Wiesbadener und werde nicht so vermessen sein zu sagen, dass Wiesbaden ein Lernbedürfnis an irgendeiner Ecke hat. Aber wir alle in Deutschland haben Eindrücke von hier lebenden Migranten. Wir könnten lernen, dass die Realitäten in dem Land, aus dem diese Migranten stammen, möglicherweise anders aussehen als wir sie uns vorstellen.

Kann die Zusammenarbeit zwischen Wiesbaden und Fatih auch den EU-Eintrittsprozess der Türkei unterstützen? Die Absichtserklärung, die der geplanten Städtepartnerschaft zwischen Fatih und Wiesbaden zugrunde liegt, enthält einen entsprechenden Passus.

Vor wenigen Wochen gemeinsam auf Einladung der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung in Istanbul: Edzard Reuter, Wiesbadens Oberbürgermeister Helmut Müller sowie Heinz Zielinski vom Hessischen Innenministerium (von rechts).	Foto: Archiv

Vor wenigen Wochen gemeinsam auf Einladung der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung in Istanbul: Edzard Reuter, Wiesbadens Oberbürgermeister Helmut Müller sowie Heinz Zielinski vom Hessischen Innenministerium (von rechts). Foto: ArchivVergrößern

ZUR PERSON
Edzard Reuter war von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der Daimler Benz AG. Der Sohn von Ernst Reuter, dem früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin (1948 bis 1953), wurde am 16. Februar 1928 geboren und lebte 1935 bis 1946 in der Türkei. Seit 1946 ist Edzard Reuter Mitglied der SPD, der auch sein Vater angehörte.
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