Kostenloser Pieks für Angel - Wiesbadener Obdachlose lassen Tiere behandeln
17.10.2010 - WIESBADEN
Von Vivienne Matz
Der beste Freund des Menschen, das ist ja bekanntlich der Hund. Und gerade für Wohnungslose und sozial Ausgegrenzte ist der Vierbeiner oft „Ersatz für Freunde und auch für Familie“, weiß Matthias Röhrig, Leiter der Teestube des Diakonischen Werkes.
Deswegen verwandelt sich auch mittlerweile seit vier Jahren jährlich seine Einrichtung für knapp zwei Stunden in eine Tierarztpraxis: Hilfsbedürftige und Obdachlose, die sich eine normale Untersuchung für ihren Vierbeiner beim Tierarzt nicht leisten könnten, konnten sich im Vorfeld bei Matthias Röhrig mit ihrem Liebling für die kostenlose Untersuchung anmelden. Die beiden untersuchenden Wiesbadener Tierärzte Ludger Reißig und Clemens Tyrell, die auch im Wiesbadener Tierheim abwechselnd neben ihren eigenen Praxen arbeiten und Mitglieder des Wiesbadener Tierschutzvereins sind, kümmern sich nach und nach um ihre pelzigen Patienten – und das auf Kosten des Tierschutzvereins für Wiesbaden und Umgebung.
Patienten bleiben ruhig
In der Werkstatt der Teestube, in der kurz zuvor noch gehämmert und geschliffen wurde, werden die Tiere von ihren Besitzern auf die zu Behandlungstischen verwandelten Werkbänke gehievt. Es sind vorwiegend Hunde-Besitzer zur Untersuchung gekommen.
Ludger Reißig und Clemens Tyrell tasten die Tiere zunächst ab, checken Organe und Gelenke. Meist wird dann eine Rundum-Impfung verabreicht gegen Tollwut, Staupe, Leptospirose und andere Krankheiten. Erst wenn es dann zum Stillhalten und Spritzeverabreichen geht, erkennen die Tiere, dass sie ja eigentlich beim gefürchteten Tierarzt sind.
Kostenloser Impfpass
Aufgrund der teils vertrauten Umgebung, die eben nicht nach Tierarztpraxis „riecht“, sind die Tiere noch recht ruhig und lassen die Untersuchung ohne Murren, oder in diesem Fall eben ohne Bellen, über sich ergehen. Durch die enge menschliche Bindung zu ihren Herrchen und Frauchen gehorchen die Tiere meist aufs Wort. Wer keinen Impfpass für sein Tier hat, der wird von den beiden Tierärzten gebeten, in ihre Praxen zu kommen und sich dort einen ausstellen zu lassen – ebenfalls kostenlos. Wenn eine weitere Behandlung notwendig ist, wird diese dann auch kostengünstiger in den Praxen der Tierärzte angeboten.
Nachtermin in der Praxis
Der neunjährige Jacko, ein Stafford-Cairn-Terrier-Mix, riecht nach Meinung seines Frauchens unangenehm aus dem Mund. Für den Tierarzt ist nach einem kurzen Blick klar, dass es sich hierbei um ein Zahnproblem des Hundes handelt, die Besitzerin hätte auf ein Magenproblem getippt. Eine solche Untersuchung muss in der Praxis gemacht werden – daher bittet Clemens Tyrell die Besitzer, bei ihm einen Termin auszumachen und dann zur Untersuchung vorbeizuschauen, über die Kosten werde dann verhandelt.
Hundedame-Besitzerin Elvira ist mit der zehnjährige Angel gekommen, vor allem zum Impfen und Krallenschneiden. „Angel bedeutet für mich alles. Wir sind gemeinsam schon durch Höhen und Tiefen gegangen. Sie ist meine ständige Begleiterin, ich möchte sie nicht missen“, erklärt die Hunde-Freundin. „Es ist erstaunlich, wie gepflegt die Hunde sind. Lieber essen die Besitzer meist selbst nichts und geben es dafür den Hunden“, beobachtet Röhrig.

