„Eine historisch neue Lebensphase“
20.08.2010 - WIESBADEN
Von Jutta Schwiddessen
SENIORENBEIRAT Ministerin Kristina Schröder diskutierte über Herausforderungen des demografischen Wandels
Fasst man es vereinfacht zusammen, dann sieht Bundesfamilien- und Seniorenministerin Kristina Schröder (CDU) den demografischen Wandel als große Herausforderung, hat mancherlei Konzepte und Ideen, aber - wie ihre Kabinettskollegen auch - kein Geld, um sie alle zeitnah umzusetzen. Die Wiesbadener Ministerin nutzte die Berliner Sommerpause, um sich in dieser Woche in ihrem Wahlkreis umzutun. Und neben lockeren Ausschank-Terminen beim Weinfest - am morgigen Samstag von 18 bis 20 Uhr am Kurier-Stand „ihnen leuchtet ein Licht“ und heute um 17 Uhr am Eswe-Wasserstand - fand sie sich gestern Nachmittag zum Gespräch beim Wiesbadener Seniorenbeirat ein. Thema: Zeit für Verantwortung vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.
Im gut besetzten Stadtverordnetensitzungssaal im Rathaus erläuterte die Ministerin ihren Anspruch, „Politik für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu machen und damit Zeit für Verantwortung zu schaffen“. Unter anderem durch ihr Modell der Familienpflegezeit, laut Schröder ihr „vielleicht wichtigstes Projekt zur Zeit“ und ein „höchst seniorenpolitisches Thema“, wie sie in Richtung des Seniorenbeiratsvorsitzenden Bernd Kühnemund bemerkte, der eingangs der Gesprächsrunde gemeint hatte, dass es in Schröders Ressort bei Fragen der Seniorenpolitik „bisher „nicht so lebhaft war“.
Zwei Drittel der heute 2,3 Millionen Pflegebedürftigen würden heute von Familienangehörigen zu Hause gepflegt. Fast jeder ältere Mensch wolle das, und viele jüngere Menschen wollten diesem Wunsch nachkommen.
Noch Handlungsbedarf
Was Schröder denn an der Kritik an ihrem zweijährigen Modell der Familienpflegezeit „am meisten ärgert“, sei der „Vorwurf von Frau Künast, dass ihm ein veraltetes Familienbild zugrunde liege“. Das sei absolut falsch: Viele junge Menschen wollten die Pflege keineswegs „wegorganisieren“, sondern, sofern es irgend machbar sei, selbst übernehmen. Als „eine der größten Aufgaben des nächsten Jahrzehnts“ nannte Schröder in diesem Kontext „die Pflegestufenregelung für Demenzkranke, die bisher höchst unbefriedigend ist.“
Zu den Herausforderungen des demografischen Wandels gehört für die 33-jährige Ministerin auch, ältere Menschen ehrenamtlich in gesellschaftspolitische Aufgaben einzubinden. Noch nie seien so viele Menschen zwischen 65 und 80 „so gesund und aktiv gewesen wie heute und mit einer so großen Lust sich zu engagieren.“ Diese „historisch neue Lebensphase“ gelte es zu nutzen und die Erfahrung und Kompetenz dieser Menschen abzurufen.
Eine klare Position bezog Kristina Schröder in der Diskussionsrunde im Wiesbadener Rathaus auch zur viel diskutierten Rente ab 67: „Das ist vollkommen richtig, und kein Weg führt daran vorbei.“ Natürlich geschehe dies auch aus Gründen der Planungssicherheit, aber die Rente ab 67 sei „keine verdeckte Rentenkürzung“, wie viele Kritiker meinen: Wenn die Rente ab 67 greife, dann werde man auf dem Arbeitsmarkt eine Situation haben, in der man auf die Über-50-Jährigen längst nicht mehr verzichten könne, sie also keineswegs um ihre Arbeitsplätze bangen müssten. Dass viele bisher geglaubt hätten, dass man auf die Über-50-Jährigen im Arbeitsleben verzichten könne, sei „ein riesiger Fehler“.
Für den Wiesbadener Seniorenbeirat hatte Schröder noch ein Kompliment parat: Er sei „ein Quell neuer seniorenpolitischer Ideen“, wie etwa die neuen „Stolpergänge“ mit dem Wiesbadener Bauamt zeigten.

