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Wiesbaden 

Wiesbadener Sozialbericht: Arme Kinder in der Stadt der Schönen und Reichen

31.07.2010 - WIESBADEN

Von Christoph Cuntz

Im reichen Wiesbaden gibt es viel arme Kinder. Noch schlimmer als das ist für den CDU-Fraktionsvorsitzenden Bernhard Lorenz, dass die Kinderarmut schon lange bekannt ist. Nämlich schon seit dem ersten Jugendbericht, der 1976 erschienen war. „Seither ist die Kinderarmut stetig gewachsen“.

Das bestätigt auch Heiner Brülle. Nur: Der Sozialplaner der Landeshauptstadt sieht die Kommune nur bedingt in der Verantwortung, die Bekämpfung von Kinderarmut sei auch eine Frage der Umverteilung. „Und die ist keine kommunale Aufgabe“. Eine Stadt könne Benachteiligungen, unter denen Kinder leiden, allenfalls kompensieren. Sie könne aber keine Eigentumsarmut beseitigen.
Bernhard Lorenz und Heiner Brülle: Beide reden über den vor wenigen Wochen vorgelegten Sozialbericht zur Armut. Beide wollen das Gleiche: Um die Kinder kämpfen. Und beide hoffen das Gleiche: Dass der Sozialbericht, zu dessen Autoren Sozialplaner Brülle zählt, Grundlage wird für eine breite Diskussion.

Denn in der Stadt der Schönen und Reichen sind arme und benachteiligte Kinder in vielen Stadtteilen in der Mehrheit: Im Schelmengraben und im Inneren Westend sind mehr als die Hälfte aller Kinder von Armut betroffen. Und eine Grundschuluntersuchung aus dem Jahr 2007 ergab: Auch in Erbenheim-Hochfeld oder im Quartier Sauerland-Belzbachtal wachsen mehr als 56 Prozent der Kinder in armen oder prekären Verhältnissen auf.

Folge des individuellen Lebensstils

Anders als Sozialplaner Brülle glaubt CDU-Politiker Lorenz nicht, dass eine von Staats wegen forcierte Umverteilung ein Beitrag zur Armutsbekämpfung wäre. „Ein Versuch mit untauglichen Mitteln“. Denn Ursachen der Armut sei weniger die ungleiche Verteilung des Reichtums. Armut sei vielmehr Folge des individuellen Lebensstils.

So argumentiert Lorenz, Menschen mit Migrationshintergrund seien oft deshalb arm, weil sie kulturelle Vorbehalte hätten, sich zu integrieren. Er spricht in diesen Fällen von einer „gestörten Beziehung“ als Ursache der Armut. „Gestörte Beziehung“: Das ist aus seiner Sicht auch Ursache dafür, dass in Wiesbaden 47 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden als arm gelten. Intakte Familien, die unter sozialer Ungerechtigkeit leiden, seien hingegen „eher die Ausnahme“.

Sozialplaner Brülle hält dagegen: Dass es in Deutschland viele Alleinerziehende gibt, sei eine Folge der freiheitlichen Strukturen. Ursache von Armut sei der Mangel an Bildung. Nicht der Migrationshintergrund. Zu den Armen zählten Menschen, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Und arm geworden seien viele, weil die Löhne für Jobs mit geringer Qualifikation gesunken sind.

Armut ist relativ

Armut in Deutschland ist relativ: Darin sind sich Lorenz und Brülle einig. Als arm gilt, wer Sozialleistungen bezieht oder darauf Anspruch hat. Bernhard Lorenz folgert daraus: „Je höher das Niveau der Sozialleistungen, desto mehr Menschen haben Anspruch darauf, und desto größer ist die Armut“. So laufe der Sozialstaat Gefahr, sich seine Armen selbst zu produzieren.

Ein Kind steht an einem Fenster und blickt auf eine mit Graffiti besprühte Wand. Foto: Archiv

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