Akku- statt Muskelkraft
15.07.2010 - WIESBADEN
Von Jorg Hamm
ELEKTRORAD Auf dem Weg zum Massenverkehrsmittel / Zehn Verleihstationen in Wiesbaden
Alle Welt redet vom Elektroauto. Dabei gibt es ein Fahrzeug, mit dem sich die Verkehrsprobleme in den Städten viel besser und einfacher lösen lassen: Das Elektrorad. Nachdem das ca. 25 Kilo schwere Gefährt mit dem Akku am Rahmen oder unterm Gepäckträger jahrelang ein Nischendasein fristete, ist die Entwicklung plötzlich explodiert. 2005 wurden in Deutschland erst 25 000 e-bikes verkauft, im vergangenen Jahr waren es bereits 150 000. Auch in Wiesbaden sind Elektroräder immer öfter zu sehen. Es gibt inzwischen über zehn Verleihstationen. Die Räder in den Verleihstationen kann man natürlich auch kaufen, aber ein Elektrorad ist deutlich teurer als ein herkömmliches Trekkingrad. Etwa doppelt bis dreimal so teuer, je nach Ausstattung.
Drei Jahre nichts zu tun
Deswegen setzt man in Wiesbaden, wie in anderen Städten auch, erstmal auf das Verleihmodell. Der Wiesbadener Michael Gediga verleiht und verkauft für das Unternehmen movelo seit 2006 Elektroräder des Schweizer Herstellers Flyer in seinem Geschäfts an der Ecke Saalgasse/Obere Webergasse. Drei Jahre lang hatte der 68-Jährige nicht allzu viel zu tun. „Auf einen Schlag aber steigt die Nachfrage sprunghaft an“, berichtet Gediga. Er sieht das Elektrorad inzwischen auf dem Durchbruch zum Massenverkehrsmittel. Vor allem die Medien sorgten dafür, dass das e-bike allmählich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelange. Ausgerechnet ein Testbericht im ADAC-Magazin „Motorwelt“ habe ihm unglaublichen Zulauf beschert. Noch seien es vorwiegend ältere Leute oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, die Elektroräder mieten.
Lösung für Paare
Aber immer öfter kämen auch Ehepaare, die schon seit Jahren nicht mehr gemeinsam fahren, weil der Leistungsunterschied zu groß sei. Männer sehen im Radfahren einen Sport, Frauen benutzen das Rad eher als Alltag-Fortbewegzungsmittel. Da sei ein Elektrorad eine gute Lösung. So sei kürzlich eine Frau freudestrahlend von einer Fahrt zurückgekommen: „Wir danken Ihnen. Jetzt können wir endlich wieder zusammen fahren.“
Als touristisches Angebot hat das Elektrorad in Wiesbaden längst eingeschlagen. Zwei Hotels bieten ihren Gästen den Service ab Haus. Auch an der Tourist-Info am Dern‘schen Gelände oder am Hauptbahnhof kann man Elektroräder ausleihen. Die Reichweite eines Akku reicht für etwa 60 Kilometer. Das genügt den meisten für eine Tagestour. „Drei Viertel der Menschen, die ein Elektrorad ausleihen, sind übrigens keine Touristen, sondern Wiesbadener“, weiß Gediga.
Auch Helena Fila, die seit Juni einen Laden für Elektroräder in der Wagemannstraße eröffnet hat, sieht in Wiesbaden eine Stadt mit großem Potential. „Wir kommen aus der Schweiz. Da ist es wesentlich hügeliger als hier und immer mehr Menschen fahren mit dem Elektrorad. Da kommt man jeden Berg mit rauf“. Beim Nerotalfest im Juni hatte Fila einen Stand, an dem man kostenlos ein e-bike ausleihen konnte. „Die kamen alle mit einem Lächeln zurück.“ Viele Kunden, die Räder ausleihten, würden die Fahrräder anschließend kaufen.

