Es geht um Zusammenarbeit
12.05.2010 - WIESBADEN
Von Svaantje Schröder
ENTWICKLUNGSHILFE Ex-Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul bei "Africa Action"
Heidemarie Wieczorek-Zeul ist nicht nur Bundestagsabgeordnete für Wiesbaden, sie ist in erste Linie eines: Entwicklungspolitikerin mit Leib und Seele. Das wurde erst jüngst bei der Jahresveranstaltung von "Africa Action Freundeskreis Wiesbaden" wieder deutlich.
"Africa Action" ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für blinde, körperlich und geistig behinderte Menschen in Afrika einsetzt. In Kooperation mit "Licht für die Welt" engagiert sich "Africa Action" bereits in zehn verschiedenen afrikanischen Staaten.
Neben anregenden afrikanischen Liedern und Tänzen stand die Podiumsdiskussion zum Thema "Entwicklungshilfe in der Kritik" zwischen Heidemarie Wieczorek-Zeul und Matthias Schündeln, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, im Mittelpunkt der Veranstaltung.
Die ehemalige Entwicklungsministerin räumte zunächst mit weit verbreiteten Vorurteilen auf. Es gehe längst nicht mehr um die Art von Hilfe, bei der ein Staat gibt und der andere nimmt. Es gehe um Zusammenarbeit, so Wieczorek-Zeul. Sie äußerte zudem Kritik an der mangelnden Präsens von gelungenen Entwicklungshilfeprojekten in den Medien. Schließlich habe man beispielsweise in den Bereichen Kindersterblichkeit und Aids-Bekämpfung eine Menge in den vergangenen 15 Jahren leisten können, weiß die Fachfrau. Sie mahnt jedoch auch, die Milleniumsentwicklungsziele Ernst zu nehmen. "Jede Minute stirbt eine Frau bei der Geburt ihres Kindes oder an deren Spätfolgen. Das scheint die internationale Gemeinschaft jedoch immer noch nicht zu interessieren. Ich werde nicht ruhen, bis diesem Skandal ein Ende gesetzt wird", sagt Wieczorek-Zeul energisch und erntet tosenden Beifall des Freundeskreises.
Die Politikerin kritisiert außerdem die Prioritätensetzung der international agierenden Akteure. "Wenn wir weltweit alle Gelder, die für afrikanische Entwicklungshilfe zur Verfügung stehen, zusammenrechnen, würde jeder Afrikaner pro Kopf 17 Euro bekommen. Wenn man bedenkt, dass eine europäische Kuh pro Tag mit zwei Euro subventioniert wird, ist das eine Frechheit." Sie will nicht als Teil einer Gesellschaft in die Geschichte eingehen, die zwar eine Finanzkrise mit Milliardenbeträgen überstanden hat, jedoch nicht fähig war, gegen Armut und Hunger in der Welt anzukämpfen. "Ein Menschenleben ist immer noch das Wichtigste."
Jede Menge Denkstoff
Nicht ganz so emotional geht Professor Schündeln das Thema an. Er legt den Schwerpunkt auf die Vernachlässigung und teilweise Verfälschung von Evaluationen von Entwicklungshilfeprojekten. Schündels plädiert dafür, einen Teil des Entwicklungshilfebudgets für Untersuchungen auszugeben, um zu erfahren, ob Projekte auch sinnvoll sind und bei Betroffenen ankommen. Zu einer Podiumsdiskussion im klassischen Sinne sind die Einzelvorträge von Heidemarie Wieczorek-Zeul und Matthias Schündeln zwar nicht zu rechnen, doch sie gaben den Mitgliedern des Freundeskreises Wiesbaden zweifelsohne jede Menge Denkstoff mit auf den Heimweg.

