Kein "Aufhübschen", sondern Gestaltung
17.04.2010 - WIESBADEN
Von Clia Vogel
DISKUSSION "Macht Design reich?" in der IHK
Die erfahrene Webdesignerin Elke Weisheit ist fassungslos: "Das war ja wie im ersten Semester." Die Wiesbadenerin staunt über die Äußerungen der international renommierten Spezialisten, die die IHK zur Diskussion aufs Podium geladen hat. Im Rahmen der Wiesbadener Designtage soll die Frage "Macht Design reich?" beantwortet werden.
Kunst oder Handwerk?
Und da einer Frage oft die nächste folgt, wurde auch das Thema "Ist Design Kunst oder Handwerk?" erörtert. Eine Überlegung, mit der Hochschuldozenten gerne Gestaltungsstudenten in der Einführungsvorlesung den Designgrundsatz "Form follows function" nahe bringen. Niemals ohne den Hinweis, wer lieber freie Kunst machen wolle, solle besser an eine Akademie.
Der promovierte Naturwissenschaftler Tom Sommerlatte, lange Jahre auf dem Gebiet der Strategie- und Innovationsberatung bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little tätig, erklärt in seinem Einführungsvortrag einem Fachpublikum, Design sei kein "Aufhübschen" sondern Grundbestandteil funktionaler Gestaltung. Er empfiehlt daher eine engere Verzahnung von Unternehmens- und Designstrategie. Er möchte die Nutzung von Design für Innovationsvorsprünge nutzen, wünscht sich eine aktive Förderung von Designkultur im Unternehmen und vertritt die Ansicht, dass Designverantwortung auf oberster Führungsebene angesiedelt werden sollte. Dabei habe der 71-Jährige, der auch heute noch Unternehmen in der Praxis des Designmanagements berät, die Erfahrung gemacht, Vorstände seien für umfassende kreative Gesamtkonzepte zunehmend aufgeschlossen.
Der 1936 geborene Olaf Leu, gelernter Schriftsetzer, später Kreativdirektor bei großen Werbeagenturen und bis heute international gefragter Hochschullehrer, ist angesichts der Äußerungen seines Professorenkollegen doch sehr überrascht. Und da er in seinem Alter auf niemanden mehr Rücksicht nehmen muss, redet er Klartext. Er kenne keine Vorstände, die eine Begeisterung für Design hätten. Seine Erfahrung sei, dass Designverantwortung gerne in die zweite und dritte Reihe verwiesen werde und entsprechend wenig Wertschätzung erfahre. Deshalb sei heute vieles einfach Schrott.
Schallendes Gelächter
Der vollbesetzte große Saal der IHK belohnt diese Aussage mit schallendem Gelächter. Viele Köpfe nicken. Offensichtlich wissen alle Anwesenden genau, wovon der 74-Jährige spricht.
Die Frage "Macht Design reich?" wurde übrigens nicht überzeugend beantwortet. Webdesignerin Weisheit, die hauptsächlich Kleinunternehmer und Mittelständler berät, hat allerdings etwas dazugelernt: "Offensichtlich haben Entscheider in großen internationalen Konzernen genau dieselben unausgegorenen Vorstellungen von Gestaltung wie viele meiner eigenen Kunden."

