Leben Dicke länger?
14.04.2010 - WIESBADEN
Von Angelika Eder
INTERNISTENKONGRESS Studie: Übergewicht ist auf OP-Tisch kein Nachteil
"Wundersames in der Intensivmedizin - Übergewichtige leben länger: Adipositas verbessert Lebenserwartung". Mit dieser Überschrift rief eine Pressemitteilung des Internistenkongresses zunächst einmal Verwunderung bei einigen Journalisten hervor. Denn es steht fest, dass Übergewicht mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 bis 30 und besonders Adipositas, also Fettleibigkeit mit einem BMI über 30, das Risiko für chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen. Überdies wurde eine enge Beziehung zwischen Adipositas und der Häufung von Krebserkrankungen nachgewiesen.
Bemerkenswert ist jedoch laut Professor Dr. Johannes Georg Wechsler, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin und Leiter des Zentrums für Ernährungsmedizin und Prävention am Münchner Krankenhaus Barmherzige Brüder: "Auf dem OP-Tisch oder in der Intensivstation sterben nicht mehr Dicke als Dünne; bei Ersteren ist auch kein größeres Narkose-Risiko zu verzeichnen." Ganz im Gegenteil: Es wurden Daten verschiedener Studien veröffentlicht, laut der dickere Menschen unter gewissen Voraussetzungen bessere Überlebenschancen haben als Normal- oder gar Untergewichtige - und zwar bei schweren Operationen, wie sie beispielsweise infolge von Krebserkrankungen des Darms, in der Bypass-Chirurgie oder Orthopädie erforderlich werden. Die Ursachen dieses so genannten Adipositas-Paradoxons könnten einerseits auf die erhöhte Aufmerksamkeit, Vorsorge und Überwachung von Seiten des Operations-Teams zurückzuführen sein: "Bei dicken Menschen gehen in der Klinik alle Ampeln auf Rot", erklärte Wechsler. Andererseits habe der Übergewichtige für diesen Fall mehr Fett-, mehr Eiweiß-, eben mehr Energiereserven zuzusetzen: "Er verfügt über den besseren Immunstatus in Krisensituationen; ein Mensch mit Body-Mass-Index 27 bis 28 hat deshalb bei Auftreten eines Karzinoms die besseren Perspektiven als Normal- oder gar Untergewichtige."
Da die Studien aber nicht die längerfristige Prognose adipöser Patienten berücksichtigten, müssten die Lehrbücher keineswegs umgeschrieben werden. Übergewicht vermindere nicht nur die Lebensqualität, sondern im Allgemeinen auch die Lebenserwartung, so dass Wechsler ungeachtet des Adipositas-Paradoxons die Bedeutung des Normalgewichts abschließend noch einmal hervorhob. Vielleicht befürchtete er völlig falsche Schlussfolgerungen, wie sie etwa unter der diesbezüglichen Meldung des Ärzteblattes im Internet zu lesen sind: "Endlich mal eine Studie, über die ich mich freuen kann. Nun darf ich in Ruhe weiteressen und etwas für meine Gesundheit tun."

