Nach Missbrauchsfällen fällt Schatten auf Helene-Lange-Schule in Wiesbaden
12.03.2010 - WIESBADEN
Von Christoph Cuntz
Das öffentlich vorgetragene Bekenntnis der Reformpädagogin Enja Riegel, auch an der von ihr einstmals geführten Helene-Lange-Schule habe es einen Fall von sexuellem Missbrauch gegeben, hat am Donnerstag zu heftigen Reaktionen Betroffener geführt. Ihre Offenbarung hatte die ehemaligen Schulleiterin aus eigenem Ansporn gemacht: Danach hat sich der damalige Kunstpädagoge der Schule, Hajo W., 1989 an vier Jungen vergriffen. Die Angelegenheit war kollektiv unter den Teppich gekehrt worden: Die Schulgemeinde hatte sich entschieden, keinen Staatsanwalt einzuschalten. Nur intern hatte man über den Fall gesprochen. Bekannt geworden war er durch eine Schülerin. Ihr gegenüber hatten die vier Mitschüler berichtet, wie sie der Pädagoge in der Sauna „befummelt“ habe.
Nicht die Kinder sind geschützt worden, sondern die Täter
Anke Wosu ist die Mutter der ehemaligen Helene-Lange-Schülerin. „Endlich kommt die Wahrheit ans Tageslicht“, kommentiert sie die Berichterstattung über den verschwiegenen Missbrauchs-Fall. Damals seien nicht die Kinder geschützt worden, sondern der Täter. So hätten sich auch die Eltern der missbrauchten Jungen dagegen ausgesprochen, den Kunstlehrer, der an der Schule überaus beliebt war, anzuzeigen.
Nun, 20 Jahre nach dem Vorfall, hat Enja Riegel öffentlich gemacht: Hajo W. war nur zu einer Therapie genötigt worden. Und sie selbst verfasste noch 1997 zusammen mit ihm und dem ehemaligen Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, ein Buch über die „Hela“.
Noch heute ist die Schülerin, die den Missbrauch damals intern publik gemacht hatte, über die Art der Aufarbeitung empört: Anke Wosus Tochter heißt Titilayo Bornmann. Sie ist 35 Jahre alt und erinnert sich an die Berichte ihrer Mitschüler. „Es war klar, dass es in der Sauna zu sexuellen Übergriffen gekommen war.“ Aber ihr sei gesagt worden, dass sie darüber schweigen solle. Der bezichtigte Kunstpädagoge habe danach ein letztes Mal ihre Klasse unterrichtet. „Ich habe mich richtig schuldig gefühlt.“
Anke Wosu ist überzeugt: Nicht nur die vier Jungen waren betroffen
Was Titilayo Bornmann aus heutiger Sicht nicht begreifen kann: Die „Hela“ sei doch eine politische Schule. „Wir haben gelernt, unsere Meinung zu sagen.“ Vor wenigen Jahren hat sie einen der Schüler wiedergetroffen. „Er ist heute Vater von drei Kindern und hat wegen des Vorfalls von damals richtig Probleme.“ Anke Wosu ist überzeugt: Nicht nur die vier Jungen waren betroffen. Der inzwischen verstorbene Kunstpädagoge habe auch andere Schüler missbraucht. Sie wirft Enja Riegel Verlogenheit vor, den Eltern, die auf eine Anzeige verzichtet hatten, Feigheit: So habe eine Mutter ihrer Tochter Titilayo unterstellt, ihre Schilderungen seien „ihrer Phantasie entsprungen“. Tenor eines Elternabends war: Der Kunsterzieher sei „ganz zärtlich gewesen“, es sei doch keine Gewalt im Spiel gewesen.
Enja Riegel war am Donnerstag nicht zu erreichen. Aber ihrem öffentlichen Bekenntnis zu Folge war Kunstpädagoge Hajo W. später in der Lehrer-Fortbildung tätig. Ute Schmidt, Leiterin des Staatlichen Schulamtes, sagte dazu, es sei nicht üblich, dass Pädagogen, die des sexuellen Missbrauchs verdächtigt werden, Lehrer fortbilden. „Bei uns gibt es da Null-Toleranz.“ Sie werde nun von Enja Riegel – die Beamtin im Ruhestand ist – einen Bericht anfordern.

