VHS Semesterauftakt mit Psychologe Holger Schlageter
(rd). Paul wurde verlassen. "Plötzlich sagte Sie, es sei vorbei. Nach 13 Jahren Ehe", flüstert er. Paul heißt er nur für diesen Artikel. Dass es ihm schlecht geht, bemerkt man erst auf den zweiten Blick. Dennoch habe es noch keine Zeit in seinem Leben gegeben, in der es ihm so miserabel ging wie heute. "Ich bin am Boden zerstört", konstatiert er.
"Wage das Leben"
"Das Schicksal mischt die Karten und wir spielen", heißt jenes Zitat des Philosophen Arthur Schopenhauer, das die Volkshochschule Wiesbaden zum Semesterthema erkoren hat und sich in der Eröffnungsveranstaltung am Donnerstagabend im Rathaus wiederfindet: "Wage das Leben" lautet der Vortrag des Wiesbadener Psychologen Holger Schlageter, zu dem auch Paul ganz bewusst gekommen ist. Die Heimat im Ruhrgebiet gab er für seine Frau auf, zog nach Wiesbaden, lebte in fremder Stadt mit vertrautem Partner: "Jetzt wirkt die Stadt irgendwie leer und abweisend."
Aus den vielfältigsten Gründen mögen jene zahlreichen Hörer gekommen sein, die den stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel zu der Bemerkung "ich wünschte, es wäre hier immer so voll" verleiten. Semestereröffnungen seien einfach Garant für ein volles Haus, in dem Psychologe Schlageter sogleich geradezu zum Hören zwingt.
"Die Frage nach dem Warum des Daseins ist die einzige Quelle für Lebensmut", beginnt er seine Erläuterungen zur individuellen Sinngebung und weiteren Botschaften, die die Kernelemente der Resilienzforschung widerspiegeln. In dieser geht man der Frage nach, wie die Seele widerstandsfähig wird. "Was ist der Grund, dass beim Einen das Selbstbewusstsein so stark ist, dass selbst Erfahrungen wie Missbrauch ihn nicht brechen können, beim Anderen aber zum Zerbrechen führen", fragt Schlageter und gibt sogleich durch Verweis auf eine Studie Antwort: "Wichtig ist stets mindestens ein Mensch an seiner Seite, der die positive Sicht auf die Welt lehrt." Erst so könne die Seele auch schwere Schicksalsschläge wegstecken.
Was Schlageter nun genau mit "Seele" meint bleibt zwar ebenso ungeklärt wie die Frage nach der Repräsentativität einer Studie über Inselbewohner. Dennoch schreibt Paul bereits auf einem zweiten Blatt Gesagtes mit. So könne nach einer Verletzung erst derjenige aufstehen, dem Heilung widerfahren ist, sagt Schlageter, führt Begriffe wie Wille, Umdenken, Vertrauen, Glaube und Zeit an, die Sekunden später Pauls Kugelschreiber kopiert.
Mit Modell beschäftigen
"Wahnsinn. Seine Beschreibungen treffen voll und ganz auf mich und meine Frau zu", sagt Paul und klingt wie Schlageters Werbeträger, der er aber nicht ist. Und wie geht es nun mit ihm weiter? "Sich mit Schlageters Modell bewusst zu machen, was passiert ist und was folgen kann, ist schon mal ein Anfang", antwortet er. .

