Von Ingeborg Salm-Boost
Es ist eine gute Nachricht: Die Botschaft, die der Journalist und Sozialarbeiter Stefan Weiller mit seiner "Wiesbadener Winterreise" rüberbringen wollte, ist angekommen. Als er zusammen mit mehreren engagierten Künstlern vor kurzem den mehr als 180 Jahre alten Liederzyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller (Texte) mit den 14 Geschichten von Wohnungslosen oder ehemals Wohnungslosen verknüpfte, kamen immerhin 350 Menschen in die Ringkirche. Darunter Betroffene, die dem Kurier-Mitarbeiter Weiller schriftlich gaben, wie verblüffend gut sie sich wiederfanden.
Gescheiterte Liebe
Am 7. Februar wird Weiller mit Mitstreitern in der Saarbrücker Ludwigskirche das Leben Wohnsitzloser mit der Winterreise zusammenbringen. Aber dort wird er über Schicksale von Menschen in Saarbrücken erzählen, dafür hat Weiller wie zuvor in Wiesbaden mit großer Sensibilität Gespräche geführt.
"Ein halbes Leben lang hat mich Schuberts Winterreise schon begleitet", was in diesen Liedern von Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit gesungen wird, ließ den heute 39-Jährigen nie kalt. Beruflich kommt Weiller, der für die Diakonie Öffentlichkeitsarbeit macht, viel mit Menschen in der Teestube oder zum Beispiel im "Trockendock" zusammen, einer Wohngruppe in Schierstein für Alkoholabhängige, die aussteigen wollen. So entstand irgendwann die Idee zur Winterreise. Neben der Diakonie unterstützten die Evangelische Kirche, die Stadt und das Staatstheater (das eventuell eine zweite Aufführung ermöglichen wird) das Projekt. Und vor allem die 14 Befragten.
Ein Zuhause für den Koffer
Stimme der Stummen zu sein, darzustellen, wie schnell der Abstieg aus einem vermeintlich stabilen Leben passieren kann, ist das Anliegen Weillers. Er erzählt von der Krankenschwester aus Mainz, die nach privaten Dramen nicht mehr arbeiten konnte und sich irgendwann ohne Wohnung und Geld in Wiesbaden auf der Straße wiederfand - weil es in Mainz zu viele Erinnerungen gibt. Stets spricht aus dem Autor der Texte tiefe Betroffenheit und Respekt vor dem Leid der Menschen. Es sind keineswegs "nur" Trinker-Karrieren, die erzählt werden, es handelt sich auch nicht immer um psychisch Kranke. "Die häufigste Ursache ist gescheiterte Liebe. Liebe kann Katastrophe bedeuten", sagt Weiller. Das solle man mal am Fest der Liebe erzählen. Von etwa 450 Wohnungslosen weiß man in Wiesbaden, die Dunkelziffer ist hoch. Weiller hält Kontakt zu den Menschen, die ihre Scham überwanden, die von Selbstzweifeln, den vielen Stufen des Verlustes erzählten, oder, wie ein junger Mann, von der Angst, sich zu verlieben - weil er doch nicht sagen könnte, dass er keine Wohnung hat.
Frauen seien kaum ein Drittel unter den Wohnungslosen, weiß Weiller. Um so mehr stimmt nachdenklich, wenn eine Betroffene schildert, dass sie in einen Ausweis für den Lesesaal der Landesbibliothek investiert hat, "weil ich dort meinen Makel als Wohungslose ablegen kann. Ich bin Gast, andere bieten mir ihre Dienste an. . ." Weiller kann ohne zu stocken jede Geschichte wiedergeben, denen er die Schubert-Lieder zugeordnet hat. Etwa die von dem Mann, der sagt, "Glück, das ist mein Koffer. Wenn ich meinen Koffer irgendwo unterbringen könnte, das wäre Glück." Der Arbeitslose schleppte seit Jahren alles, was ihm geblieben ist, mit, und schaffte es kaum noch. Weiller hat nun erfahren, dass der 42-Jährige eine Bleibe für den Koffer, nicht für sich selbst gefunden hat. Ein Glück?

