Von Wolfgang Degen
Harald Mohr schimpft: “Die Gagfah hat uns viel versprochen, aber sie hält sich nicht daran". Mohr ist eine der 47 Mietparteien, die Ende August aus den Häusern Blumenthal 16 bis 20 und Manteuffelstraße 4 bis 10 (Rheingauviertel/Hollerborn) hatten überstürzt ausziehen müssen. Nur das Nötigste konnten die Mieter mitnehmen. Aus Sicherheitsgründen mussten die Wohnblocks geräumt werden, in den 1 Häusern hatten sich Risse gezeigt.
An der Tragfähigkeit der Decken bestehen erhebliche Zweifel, jede Überlastung sei mit Risiko verbunden, so das Wohnungsunternehmen. So sieht das auch die Bauaufsicht, die eine Räumungsverfügung nachschob. Die meisten Mieter wurden vorübergehend in Hotels untergebracht.
Eigeninitiative
Vier Jahre hatte Mohr, der als schwerbehindert eingestuft ist, in der Blumenthalstraße 16 gewohnt. Er und sein zwölfjähriger Sohn stecken zur Zeit mitten im Umzug, sie packen Kisten aus und räumen ein. Die Mohrs haben auf eigene Initiative in der Lorcher Straße eine passende Wohnung gefunden. Am Freitag sind sie eingezogen. “Endlich", freut sich Mohr. Ihn, der in der Blumenthalstraße mit seinem Sohn eine Dreizimmer-Wohnung hatte, wollte die Gagfah in eine Zweizimmer-Wohnung vermitteln. “Jetzt reicht's", dachte sich Mohr. Er lehnte den Vorschlag ab, suchte selbst. “Die Gagfah hat gerade das Nötigste für uns getan", kritisiert er und fürchtet, dass er sich mit der Gagfah streiten muss, ob sie das notwendige Renovieren bezahlt.
Immer noch im Hotel
Andere Betroffene harren auch knapp sechs Wochen nach der Räumung noch immer in Hotelzimmern aus. 11 Zimmer sind im Ibis-Hotel neben der Staatskanzlei weiterhin von früheren Gagfah-Mietern belegt. “Das sind doch keine Zustände", kritisiert Rechtsanwältin Hildegard Osswald, die mehrere Betroffene vertritt. “Dass eine Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern noch immer im Hotel leben muss, ist eine Zumutung", und nach ihrer Auffassung nicht länger hinnehmbar Die Anwältin sieht einen Fall “erheblicher Beeinträchtigung", ein Fall, für den Schmerzensgeld in Betracht komme. “Als Entschädigung für die Verletzung der Persönlichkeitsrechte."
Anwältin: "Nur kurzfristig freundlich"
Anwältin Osswald moniert auch den Ton, den Vertreter der Gagfah gegenüber einzelnen Betroffenen an den Tag legen würden. “Nur kurzfristig waren sie freundlich", meint Osswald. “Was an Zusagen von Seiten der Gagfah versprochen wurde, kann ich nicht erkennen. " Osswald hat den Eindruck, dass Betroffene regelrecht in nicht passende Wohnungen “gezwungen" werden sollten. Mit “Empfehlungen", dass sich die Mieter eben von Dingen trennen und ihren Hausrat verkleinern müssten. “Die Mieter können doch nichts für die Misere. Die Gagfah, und sonst niemand, hat das alles zu verantworten", stellt die Anwältin klar.
Osswald ist unverständlich, warum die Gagfah die Rechtsanwaltskosten jener Mieter nicht übernehmen will, die Rat suchten, weil sie sich nicht anders zu helfen gewusst hatten. Die Gagfah wiederum sehe nicht in jedem Fall die “notwendige Kooperation", wie Osswald mitgeteilt wurde. “Derzeit befinden sich noch neun Parteien in Hotels", bestätigt Gagfah-Sprecherin Bettina Benner auf Anfrage. Eine Familie werde kommende Woche ihre neue Wohnung beziehen. “Prinzipiell befinden wir uns noch im Zeitplan". Spätestens zum 1. November sollen alle Betroffenen in neuen Wohnungen untergebracht sein.
Schwammige Formulierung
Die Gagfah übernehme die Kosten der Umzüge, die Hotelunterbringungen, Verpflegungspauschalen, Maklerprovisionen und teilweise die Herrichtung der Wohnungen. “Dies erfolgt immer mit besonderem
Augenmerk auf die persönliche Situation jedes einzelnen Mieters und unter Beachtung wirtschaftlich vertretbarer Kosten". Das seien “schwammige Formulierungen", bemängelt Mohr, Ärger sei programmiert.
Benner indes verweist auf “sehr gute" Rückmeldungen vieler Mieter. Die Wohnungen werden von einem Umzugsdienst nach und nach leer geräumt. Zur Zeit finden zwar regelmäßig Kontrollgänge statt, aber keine Untersuchungen, wie etwa Belastungstests. Das Schadensbild sei konstant, so Benner. Da die Häuser weitgehend leer sind, seien keine “signifikanten Veränderungen" zu erwarten. Was weiter mit den Häusern passiert, könne erst nach Abschluss der technischen Untersuchung, gemeinsam mit der Stadt, entschieden werden.

