Von Laura-Julie Weißkopf
SCHÜLERPROJEKT Jungjournalisten forschen über Geschichte des Wiesbadener Lebensborns
Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Mit zwölf Jahren hatte sie bereits neun Ortswechsel hinter sich, in der Schule wurde sie ausgegrenzt. Ihre Mutter hüllte sich nur in Schweigen. Siegrid ist ein Lebensbornkind. 1942 wurde sie im Harz in einem Heim des Lebensborn e.V. geboren. Der Verein war 1935 von Heinrich Himmler zur Erhöhung der Geburtenrate und zur Unterstützung von "rassenreinen" Müttern und Kindern gegründet worden.
Heute lebt Siegrid in Wiesbaden und hat als Zeitzeugin vier Schülerinnen und Schülern des Mainzer Theresianums unterstützt, die die Geschichte des Wiesbadener Lebensborns "Heim Taunus" nachforschten. Es befand sich dort, wo heute das Antoniusheim steht. "Uns war gleich klar: Das Thema oder keins", erzählt Johanna Schröder, 17. Im Herbst 2008 hatten sie und ihre Freunde Florence Weisenborn, Martin Betzler, Johanna Strunge, alle zwischen 17 und 20, eine Anzeige im Kurier entdeckt.
Was die Presse verschwieg
Die Jugendinitiative step21 suchte nach Jungjournalisten, die für das Projekt "Weiße Flecken" mit anderen Schülerredaktionen in Deutschland, Tschechien, Polen und Österreich lokalhistorische Ereignisse aus der NS-Zeit recherchierten. Das Endergebnis sollte eine gemeinsam gestaltete Zeitung sein, in der die Jugendlichen das berichten, was die damalige Lokalpresse verschwieg oder nur als Propaganda verbreitete. Die Recherchen waren schwierig. Die Gruppe fand kaum Material. Erst als sie über den Kurier nach Zeitzeugen, Fotos und Dokumente suchten, kam der Durchbruch. Unter anderem meldete sich "ihre" Zeitzeugin Siegrid.
Viele Menschen konnten nur Gerüchte wiedergeben, erzählten von "Edelpuffs", in denen SS-Männer "rassenreine" Nachkommen zeugen sollten oder sahen den Lebensborn als rein karitative Einrichtung. Die vier Abiturienten stellten bei ihrer Arbeit fest, dass weder das eine noch das andere stimmte. Das "Heim Taunus" war wie die übrigen Lebensbornheime auch hauptsächlich ein Kinder- und Entbindungsheim. Vor allem unverheiratete Schwangere wandten sich an die Heime, um ihre Kinder anonym zur Welt zu bringen.
Präsentation mit Kanzlerin
Gestern wurde die gemeinsame Zeitung der insgesamt 16 Schülerredaktionen in Berlin im Beisein der Bundeskanzlerin präsentiert. Wichtig und sehr emotional sei vor allem die Arbeit mit der Zeitzeugin gewesen, resümiert Johanna Schröder. "Es ist wichtig, Geschichte an Einzelschicksalen festzumachen, um zu sehen, was das wirklich bedeutet."

