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Wiesbaden 

Meine Heimgeschichte

19.03.2009 - WIESBADEN

Von Monika Siebert

“Am 7. Mai 1970 wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Am 8. Mai 1970 wurde ich von Frau Bäumler vom Jugendamt abgeholt und sie brachte mich nach Ilbenstadt in das katholische Mädchenheim St. Gottfried. Frau Bäumler fuhr mich in ihrem Privatwagen dort hin. Meine Stiefgroßmutter weinte beim Abschied, meine Mutter war nicht da.

Ich war froh, dass für mich nun ein neuer Lebensabschnitt beginnen sollte, nicht ahnend, was mich dort wirklich erwartete. In Ilbenstadt vor dem Haus angekommen, sah ich die vergitterten Fenster. Ich fragte scherzhaft ’Sind die Gitter gegen Ein- oder Ausbrecher?' ­ immer noch ahnungslos. Heute kann ich nicht mehr sagen, wer uns empfing, als wir hineingingen. Ich erinnere mich, dass ich im Beisein von Frau Bäumler zu meiner Gruppe gebracht wurde und es wurde mir die Gruppenmutter vorgestellt, eine grauhaarige, ältere, hagere Frau. Fräulein Müller, so wurde sie angesprochen.

Wie eine Mutter sah sie nicht aus, darunter stellte ich mir etwas anderes vor. Die Gruppenmädchen waren zu dem Zeitpunkt noch in der Schule. Die ’Gruppenmutter' führte uns durch das Heim und überzeugte Frau Bäumler, wie schön ich es hier haben würde. Das gepflegte Haus, die schöne Parkanlage mit Schwimmbecken, alles ganz toll. Nach dem Rundgang gab es ein kurzes Gespräch, in welchem Fräulein Müller ein paar Regeln erklärte, unter anderem, dass ich meinen Freundinnen nicht schreiben darf, der erste Schock.

Warum denn nicht? Frau Bäumler fand einen Kompromiss, es wurde erlaubt, dass ich meiner Nachbarin schreiben darf. Ansonsten nur noch der Großmutter und meiner Tante und Cousine.
Bald verabschiedete sich Frau Bäumler in dem Glauben, dass es mir nun hier gut geht und überließ mich meinem Schicksal. Mir war mulmig zumute. Die Gruppenmädchen kamen von der Schule, es gab Mittagessen und ich wurde der Gruppe als die Neue vorgestellt. Es war eine merkwürdig angespannte Atmosphäre. Ich fühlte mich unwohl.

Es war keine gute Stimmung unter den Mädchen, das spürte ich. Sie beäugten mich mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Neugier. Nett oder herzlich war hier niemand. Ich bekam ein Bett in einem Drei-Bett-Zimmer zugewiesen und einen Kleiderschrank auf dem Flur. Am Nachmittag wurde im Ess- und Aufenthaltsraum, der hier Tagesraum genannt wurde, unter Aufsicht von Fräulein Müller mit den anderen Mädchen der Gruppe mein Koffer ausgepackt.

Jedes einzelne Stück wurde begutachtet und kommentiert. Die anderen Mädchen stürzten sich regelrecht auf meine mitgebrachten Sachen, durchwühlten und sortierten aus, ich bekam zunächst meine Zeitschriften (’Bravo'-Hefte) abgenommen, das dürfe man hier nicht lesen. Mein Geld wurde mir abgenommen.

Keiner durfte Bargeld haben, das wurde von der Gruppenleiterin aufbewahrt. Weiter ging erst mal die Aufnahme: Meine Röcke seien zu kurz, die müssten länger gemacht werden in Knielänge, man dürfe keine Männer reizen. Wo da ja so viele Gelegenheiten waren!

So bis zum Abend begriff ich langsam, wie hier die Regeln und Gesetze waren und meine innere Verzweiflung wuchs. Das war doch ganz anders als in einem Internat. War es ein Erziehungsheim? Nein, wir sind kein Erziehungsheim, wurde von Fäulein Müller immer wieder betont. Meine Hoffnung, hier wird mein Leben besser, platzte wie eine Seifenblase. Was sollte ich jetzt tun? Warum wurde ich für all mein Leiden, das ich bisher ertragen musste, nun weiter bestraft?
Am Abend war ich in dem Drei-Bett-Zimmer mit den zwei anderen Mädchen, die dort waren. Sie hießen Eva und Helga. Sie waren unfreundlich zu mir.

Foto: Fotolia, Torsten Tracht

Foto: Fotolia, Torsten TrachtVergrößern

Monika Siebert

Die Wiesbadenerin Monika Siebert (ihren und alle folgenden Namen von der Redaktion geändert) war Anfang der Siebzigerjahre in einem Heim im hessischen Niddatal-Ilbenstadt untergebracht. Ihre persönlichen Erinnerungen hat sie aufgeschrieben.

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23.03.2009 Dieser Kommentator ist bei uns nicht registriert.

Erschüttert

Dieser Bericht über die grauenhafte Sklavenzeit im Heim hat mich tief erschüttert. Das war eine Zeit der psychischen und physischen Folter, lebensprägend. Diese Aufseherinnen lebten ihren Sadismus ungebremst an Schutz- und Hilflosen, Ausgelieferten aus. Das ist Menschenrechtsverletzung, pure Misshandlung Schutzbefohlener. Und dann auch noch ganz allein mit diesem Schmerz, keiner glaubte den Mädchen. Sie waren abgewertet zu Menschen zweiter Klasse. Die kalte Ignoranz außerhalb des Heimes, in der Gesellschaft, war Teil der Misshandlung. Dass Sie vom Regen in die Traufe kamen beim Besuch zu Hause, sofort sexuellen Missbrauch erlitten und dafür auch noch beschuldigt wurden, ist mit Worten nicht auszudrücken.
"Wie konnte ich auch nur eine Minute glauben, meine Mutter würde sich einmal auf meine Seite stellen." Dieser Satz hat mich besonders bewegt. Ich kenne diese Erfahrung. Ich bin ebenso alt wie die Autorin, also auch ein Kind jener Zeit und kenne einige Verhaltensweisen von meinen Eltern, die auch sehr "gute" Heimaufseher abgegeben hätten... Körperverletzung und permanente Einschüchterung, Vernichtung der Persönlichkeit und des Lebensmutes waren auch in meiner Kindheit und Jugend an der Tagesordnung. Und ich konnte wenigstens für einige Stunden raus - wie grauenhaft muss das alles erst hinter Gittern gewesen sein! Welch Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, welch schier unerträgliches Leid. Wieviel wertvolle Lebenszeit wurde den Mädchen gestohlen!
Mein tief empfundenes Mitgefühl an die Autorin - Danke für Ihren Mut, ihre Geschichte zu erzählen.
Ich bin entsetzt und verurteile alles, was Ihnen durch diese Folterknechte zugefügt wurde, aufs Heftigste - und verfolge die Arbeit des Runden Tisches der Regierung aufmerksam.

Sabine Becker

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