Von Manfred Gerber
NDR-Redakteur Ben Bolz: Drei Beispiele für die Ausbeutung von Euro-Jobbern / "Katastrophale Bilanz"
Der Fall Wilfried Lüderitz, seit 2006 Ein-Euro-Jobber im Wiesbadener Stadtarchiv, über den der Kurier im Februar berichtete, wird heute Abend um 21.45 Uhr in der ARD-Sendung "Panorama" aufgerollt. In einem Beitrag ist der Fall Lüderitz eines von drei Beispielen, an denen NDR-Redakteur Ben Bolz den staatlichen Missbrauch von Ein-Euro-Jobbern aufzeigen will. Ein-Euro-Jobs sollen laut HartzIV-Gesetz Langzeitarbeitslosen angeboten werden, um sich weiter zu qualifizieren und anschließend im regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aber oft, sagt Ben Bolz, sei es sogar umgekehrt, sei ein Arbeitsloser hinterher schwerer zu vermitteln, als wenn er seinen Ein-Euro-Job nie angetreten hätte. Wilfried Lüderitz (62) durfte, nachdem er seinen Fall im Kurier publik gemacht hatte, zunächst normal weiterarbeiten, allerdings nicht mehr seinen Namen am Telefon nennen. Nachdem Kulturamtsleiter Arno Fischer von "Panorama" interviewt worden war, änderte sich die Situation, vermutlich weil man sich nicht länger dem Vorwurf gesetzwidriger Beschäftigungsverhältnisse aussetzen wollte: Lüderitz wurde versetzt, er arbeitet nur noch vier statt bisher sechs Stunden. Wo er gearbeitet hatte, hat nun Bildarchiv-Leiter Georg Habs einen zweiten Schreibtisch, um mit Hilfe eines befristet Angestellten, der vorher ebenfalls Ein-Euro-Jobber war, Bildwünsche zu erfüllen. Als Mitarbeiter des digitalen Bildarchivs der Stadt hat Lüderitz aus seiner Sicht, aber auch aus der von Nutzern des Stadtarchivs keine zusätzliche Arbeit gemacht, wie das Gesetz es verlangt, sondern reguläre. Für "Panorama" ist Wilfried Lüderitz also ein Musterbeispiel für die Ausbeutung von Ein-Euro-Jobbern. Die weiteren "Panorama"-Fälle heute Abend: Ein Elektro-Ingenieur, der in einem Backofenmuseum zum Däumchendrehen verurteilt war, dann aufhörte und lieber eine 30-prozentige Kürzung seiner Bezüge in Kauf nahm sowie die Zustände in Leverkusen, wo die Stadt Ein-Euro-Jobber als Reinigungskräfte beschäftigt. In "Panorama" kommt auch Wiesbadens Kulturamtsleiter Arno Fischer zu Wort. Dass Lüderitz nicht als reguläre Kraft übernommen werden kann, begründet Fischer laut NDR mit städtischem Geldmangel. Im April hatte Kulturdezernentin Rita Thies (Grüne) Lüderitz´ Ablehnung noch mit einem fehlenden Studium erklärt. Lüderitz besitzt jedoch einen Abschluss in Pädagogik, Soziologie und Kunstgeschichte. "Herr Fischer muss jetzt den Kopf hinhalten", sagt Lüderitz zur Frage, warum nicht die Kulturdezernentin selbst gegenüber dem NDR Stellung bezogen hat. Wilfried Lüderitz zum Kurier: "Ich warte jeden Tag auf meinen Rauswurf." Was aber im Stadtarchiv zurzeit geschehe, sei einfach "absurd". Man wolle ihn loswerden, obwohl dort täglich mehr Arbeit anfalle. NDR-Redakteur Ben Bolz spricht nach seinen Recherchen von einer "katastrophalen Bilanz" der HartzIV-Gesetze.

