Wiesbaden: Lehrerin steckt Schülerin Bleistift ins Dekolleté - 400 Euro Geldbuße
24.08.2012 - WIESBADEN
Von Wolfgang Degen
Gegen Zahlung einer Geldbuße von 400 Euro hat jetzt die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen eine Lehrerin eingestellt. Sie hatte im Mai im Unterricht einer 15-Jährigen einen Bleistift in den überaus tiefen Ausschnitt gesteckt. Die Lehrerin hatte demonstrieren wollen, dass die Kleidung wieder einmal völlig unangemessen, nämlich zu aufreizend, sei: Guck mal, heute ist es besonders tief, zeigte sie die nackte Tatsache auf.
Das Vorgehen der Lehrerin erfülle juristisch den Tatbestand einer Beleidigung, so die Staatsanwaltschaft. Eine Beleidigung war auch, was die Schülerin im Internet als Rache startete: Die Lehrerin müsse weg von der Schule, sie dürfe nicht mehr als Lehrerin arbeiten. „Die mach‘ ich fertig!“ Die 15-Jährige bekam zehn Stunden gemeinnützige Arbeit als erzieherische Maßnahme aufgebrummt.
Keine Kleiderordnung
Passiert ist die Bleistift-Demo, als die Schüler der achten Klasse ihre Stühle zu einem Kreis zusammengestellt hatten. Diese Anordnung ließ derart tiefe Einblicke zu, dass pädagogisch Sinnvolles Nebensache wurde. Bei den Jungen der Klasse jedenfalls soll die Konzentration auf den Unterricht schlagartig nachgelassen haben. Die Blicke wurden lang und länger. Zu erleben waren nämlich attraktivere Reizpunkte als der Erfahrungsbericht über das Schülerpraktikum. Die Jungen konzentrierten sich auf den Ausschnitt der Mitschülerin, die mit einem, wie es heißt, sehr üppigen Busen ausgestattet ist und diesen als Blickfang einzusetzen wisse.
Die Schülerin war bereits mehrfach gebeten und aufgefordert worden, in angemessener Kleidung zur Schule zu kommen. Dies wurde auch ihrer Mutter vermittelt. Deren Antwort sei gewesen: Andere Mädchen kommen ja auch so zur Schule, außerdem gebe es keine Kleiderordnung. Bei einer Skifreizeit sei das Mädchen in Minirock und tief ausgeschnittenem Oberteil zum Frühstück erschienen, und deswegen zum Umziehen aufs Zimmer geschickt worden. Bei einer Veranstaltung in der Schule sollen Eltern gegenüber Lehrern eine völlig unangemessene Zurschaustellung der Jugendlichen mit drastischen Worten moniert haben.
„Endstufe andauernder Provokationen“
„Es war ein pädagogischer Fehler einer ansonsten hervorragenden und hoch angesehenen Lehrerin“, kommentiert die Schulleiterin den Vorfall mit dem Bleistift. „Das hätte nicht passieren dürfen. Da ist die Kollegin eine Minute schwach gewesen. Sie ärgert das am meisten“. Alle Lehrer der Schule stünden aber voll hinter der Kollegin. Die Kleidung der Schülerin sei wiederholt ein besonderes Ärgernis gewesen. Auch schon an der früheren Schule. Dort soll man sich darauf verständigt haben, dass die Schülerin im Unterricht ein Tuch überm tiefem Dekolleté tragen solle. Daran habe sie sich aber nicht immer gehalten. Mahnungen oder Bitten seien verpufft. Dass Lehrer auf angemessene Kleidung achten, sei Teil ihrer erzieherischen Aufgabe in der Schule, sagt die Schulleiterin. Es gehöre zur pädagogischen Verantwortung. „Das Mädchen tut sich mit ihrem Auftritt ja keinen Gefallen“.
„Meine Mandantin ist sich bewusst, dass sie einen Schritt zu weit gegangen ist.Sie bedauert das sehr“, sagt Ulrich Volk, Anwalt der Lehrerin. Die Bleistift-Demo, eher scherzhaft gemeint, sei die „Endstufe andauernder Provokationen“ durch die Schülerin gewesen, die sich über Wochen und Monate „mit der Zurschaustellung ihres Busens zu einem Störfaktor in der Klasse“ entwickelt habe. Die Schülerin ist seit geraumer Zeit in eine Parallelklasse versetzt, und damit habe sich die Situation beruhigt, erklärt die Schulleiterin. Das Staatliche Schulamt prüft, ob sich aus dem Verhalten der Lehrerin dienstrechtliche Konsequenzen ergeben.


