Veterinärmediziner untersuchen in der Wiesbadener Teestube kostenlos Haustiere von Obdachlosen
17.12.2011 - WIESBADEN
TEESTUBE Veterinärmediziner untersuchen kostenlos die Haustiere von Obdachlosen
Für Menschen, die auf der Straße leben, sind sie häufig die einzigen verbliebenen Freunde. Oft werden die Haustiere von Obdachlosen und Hilfsbedürftigen - meist handelt es sich um Hunde - von Passanten abwertend als Straßenköter, Flohkutsche oder Töle bezeichnet. Zu Unrecht, denn meist sind die Tiere in einem weit besseren Zustand, als so mancher vermuten würde. „Die Tiere sind sehr gut gepflegt - häufig sogar besser als bei ‚normalen Tierbesitzern’ - und haben es mit Sicherheit gut bei ihren Herrchen“, meint Tierarzt Dr. Ludger Reißig. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Clemens Tyrell steht er an diesem Nachmittag in der Werkstatt der vom Diakonischen Werk betriebenen Teestube, die kurz zuvor zu einem Behandlungsraum für Tiere umfunktioniert wurde. Die beiden Veterinäre vom „Tierschutzverein für Wiesbaden und Umgebung“ führen hier kostenlos eine allgemeine Untersuchung und eine Impfung gegen Tollwut, Staupe und Hepatitis durch. Damit will der Verein, der die Aktion bereits im vierten Jahr durchführt, einen Beitrag dazu leisten, Obdachlosen und Hilfsbedürftigen die veterinärmedizinische Versorgung ihrer Tiere zu erleichtern.
Mehr als 20 Tiere warten
Fast zwei Dutzend Vierbeiner stehen diesmal auf der Warteliste. Struppi ist der erste Patient an diesem Tag. Nachdem er zunächst Augen, Ohren und Zähne unter die Lupe genommen hat, hört Ludger Reißig auch das Herz des kleinen Yorkshire Terriers ab. „Kein Grund zur Besorgnis, nur etwas Zahnstein“, so Reißig. Noch besser sieht es bei dem sieben Jahre alten Schäferhundmischling „Shadow“ aus, den Clemens Tyrell soeben begutachtet hat. „Das Tier ist in absolutem Top-Zustand“, diagnostiziert er. Weniger gut sieht es dagegen bei Angel aus. Der große amerikanische Schäferhund zeigt Lähmungserscheinungen. „Mehrmals am Tag kurze Strecken mit ihm laufen, aber nicht überfordern“, rät Tyrell der Besitzerin.
Mit Benjamin und Goldi hat der Tierarzt an diesem Tag auch zwei Exoten - einen schwarzen Kater und einen Zwerghasen - zu untersuchen. Auch hier: alles bestens. Übergewicht ist das Problem von Merle. Mit 35 Kilogramm hat die Mischlings-Hündin - ganz im Gegensatz zu ihrem Herrchen - ein paar Pfund zu viel auf ihren Rippen. Häufig ginge es den Tieren besser, als ihren Besitzern, so Reißig. „Die Leute machen wirklich alles für die Hunde, was in ihrer Macht steht“, ergänzt Matthias Röhrig. „Für viele ist das Tier eben wie ein Partner, dem man vertrauen kann. Dem Hund zum Beispiel ist es egal, ob sein Herrchen nicht geduscht hat oder mal unrasiert daher kommt“, so der Leiter der Teestube. In der Mensch-Tier-Beziehung komme häufig genau das zum Vorschein, was sich viele Teestuben-Kunden wünschten: Angenommen sein und geliebt werden, wie man ist, berichtet er. Von der Hundesteuer seien die Besitzer übrigens nicht ausgenommen. Dass die Taxe jetzt erhöht werden soll, sieht Röhrig mit Besorgnis. „Es werden wohl viele Tiere im Heim landen“, so der Diplom-Sozialarbeiter, der sich zugleich über den Rückgang von Kampfhunden erleichtert zeigt. „Gott sei Dank sind die bei unseren Kunden kaum noch anzutreffen“ Überhaupt sei die Zahl der Hundebesitzer unter den Hilfsbedürftigen stark rückläufig. Mit einem Tier an der Leine findet man einfach keine Wohnung.

