Von Hendrik Jung
BILDUNG Qualifizierungsoffensive Rheingau-Taunus startet in zweite Runde / Mehr als ein Viertel Männer nehmen teil
Es war bereits die 16. Innovationswerkstatt seit 2002, aber erst die zweite im Rahmen der Qualifizierungsoffensive Rheingau-Taunus. Das Thema „Schöne neue Lernwelt - Vom Belehrer zum Lernbegleiter“ lockte mehr als 50 Interessierte ins Bürgerhaus „Taunus“, davon weniger als ein Viertel Männer.
„Flüssige Intelligenz“
„Der Mensch lernt selbst und ständig“, bringt die Nürnberger Lernexpertin Eva-Maria Singer ihre Botschaft auf den Punkt und bedient sich dabei der Worte des Schweizer Pädagogen Andreas Müller. „Gerade, wenn Sie mit bildungsfernen, lernungeübten Menschen arbeiten, muss die eigene Leistung gefördert werden“, fügt sie hinzu. Als Lernbegleiter müsse man deshalb eben begleiten, aber nicht führen. Dabei gelte es, gleichermaßen Wege aufzuzeigen, wie vor eingetretenen Spuren zu warnen, Bewährtes zu bewahren aber auf der Höhe der Zeit zu sein sowie Irrwege durchaus zu fördern dabei aber Umwege zu vermeiden. Gleichzeitig gelte es auch, die Balance zwischen dem Zeigen von Präsenz und dem Loslassen zu wahren, was sie gleich am eigenen Beispiel demonstriert. Denn präsent ist sie nur über den gehaltenen Vortrag, die angewendete Methode und die Texte, die sie speziell für diese Gruppe geschrieben hat. „Es wäre aber das Schlimmste, wenn ich mich in die Übungen einbringe, denn damit störe ich jeden individuellen Prozess“, erläutert sie ihre Position
Der Vortrag ist nämlich nur der kleinste Teil der Veranstaltung. Im Anschluss daran werden zwei Thesenpapiere zum Thema ausgeteilt, wobei jeweils eine Hälfte des Publikums nur eines der Papiere erhält. Dabei lernt man in der weißen Ausgabe beispielsweise, dass die sogenannte flüssige Intelligenz, die aus den noch formbaren Synapsen besteht, schon ab dem 30. Lebensjahr deutlich abnimmt. In den Jahren danach bilden sich nur noch wenige neue Synapsen. Dafür werden aber die bestehenden fortlaufend verstärkt. Das orangefarbene Thesenpapier verrät hingegen, dass die Erklärung von Verstandenem einem anderen gegenüber eine wirksame Gedächtnishilfe darstellt. Und zwar, weil die eigene neuronale Strukturierung dabei wirksam differenziert wird. Das dürfen die Teilnehmer dann auch gleich anwenden, indem sie die Inhalte ihres Papiers mit einem Partner aus der jeweils anderen Gruppe austauschen.
Anschließend wird die Gruppengröße noch einmal variiert, indem sich jeweils zwei der Pärchen an einem Tisch zusammen finden. Hier gilt es nun, eine Wandzeitung zu erstellen, die einen beispielhaften roten Faden für Lehr- und Lernveranstaltungen entwickelt. „Durch die Schnittmenge der vier Individuen entsteht noch einmal ein Exzerpt dessen, was für alle wichtig ist“, erläutert Eva-Maria Singer. Am Ende werden die erarbeiteten Ergebnisse dann im großen Kreis resümiert und auf der Internetseite der Qualifizierungsoffensive veröffentlicht. Ein Vorgehen, das nicht nur den vermittelten Inhalten entspricht, sondern auch den Erwartungen der Teilnehmer. „Ich bin gekommen, um mich mit Kollegen über Lernmethoden auszutauschen“, äußert sich etwa Anette Faust, die in der Wiesbadener Horst-Schmidt-Klinik für interdisziplinäre berufliche Fortbildung zuständig ist. Und auch Uta Feix von der Leitstelle Älterwerden der Stadt Taunusstein zeigt sich zufrieden: „Sie hat am praktischen Beispiel klar gemacht, wie man Menschen anspricht, damit sie Interesse und Lust haben, aktiv zu werden“, findet sie. Die Veranstaltung soll weiterhin zwei Mal pro Jahr statt finden.

