Der Strick-Boom ist vorbei
28.01.2012 - WEHEN
Von Mathias Gubo
AUSVERKAUF Christa Bonn schließt ihr Handarbeitsgeschäft in Wehen nach 37 Jahren
Die Jerseynadeln sind ausverkauft, auch bei den Reißverschlüssen und Wolle gibt es immer größere Lücken. Ausverkauf bei Handarbeiten Christa Bonn. Das traditionsreiche Geschäft in der Mainzer Allee in Wehen schließt nach 37 Jahren.
„Es lohnt nicht mehr“
„Sie sind verrückt“, hat eine langjährige Kundin Christa Bonn zugerufen, als sie von der Schließung erfuhr. Doch das Geschäft lohne sich nicht mehr, stellt die 62-jährige Wehenerin bedauernd fest.
Besonders im Sommer sei der Bedarf an Wolle und Kurzwaren drastisch zurückgegangen, erzählt Bonn. Daraus hat sie die Konsequenzen gezogen und in den vergangenen Jahren im Sommer nachmittags den Laden gar nicht mehr geöffnet. Früher habe sie im Winter so viel verdient, dass sie auch über die schwächeren Sommer gekommen sei, „doch jetzt geht es nicht mehr“. Die Gründe sind vielfältig: Die Konkurrenz des Internets und der Discounter ist nahezu übermächtig, zudem werde viel weniger gestrickt als früher. Wollsocken und Schals seien zwar nie aus der Mode gekommen, doch dafür brauche man wenig Wolle. Aber wer stricke heute noch einen dicken Pullover aus 1200 Gramm Wolle? Doch zurück zu den Wollsocken. Die müssen „natürlich aus Sockenwolle“ sein, betont Bonn. Die 25 Prozent Polyamid in dieser Wolle sorgen nämlich dafür, dass die Socken nicht nur wärmer sind und sich angenehm tragen, sondern auch länger halten. „Wer solche Socken hat, trägt keine anderen mehr“, ist die Fachfrau aus Wehen überzeugt.
Seit 1974 betreibt Christa Bonn ihr Handarbeitsgeschäft im Erdgeschoss ihres Elternhauses. Sie habe ihr Hobby zum Beruf gemacht, gesteht sie lachend. Im Laufe der Jahre wuchs ihr Sortiment: Zur Wolle kamen Knöpfe und Reißverschlüsse, Nähseide, dann auch Bastelbedarf für Kindergärten und Schulen. Ihre Kundschaft kam schon bald nicht mehr nur aus Wehen und der Umgebung, sondern aus dem gesamten Untertaunus und auch aus Wiesbaden.
„Keine Alternative“
Jutta Lobbenmeier kommt aus Neuhof. „Es gibt keine Alternative zu Frau Bonn“, steht für sie fest. Bei ihr habe sie nicht nur immer die richtige Wolle für Mützen und Schals gefunden, sondern auch die Füllwolle und sogar Gelenke für selbst gebastelte Teddybären.
Doch am 29. Februar wird Schluss sein bei Handarbeiten Christa Bonn in Wehen. Dann geht die Inhaberin in den Ruhestand, wird zusammen mit ihrer Schwester ihre pflegebedürftige Mutter versorgen. Und auch ein bisschen mehr Zeit für den Garten haben. In dem blühen übrigens nur Blumen, schon der wunderbaren Farben wegen.
Die Leidenschaft für das Stricken hat sich Christa Bonn über die Jahrzehnte bewahrt. Derzeit strickt sie Socken für die Enkel. Vorrat hat sie ja genug, noch weiß sie nicht, was sie mit der Wolle, die nach dem Ausverkauf übrig bleibt, tun wird. Daniela Rücker ist aus Wallrabenstein zum Einkauf nach Wehen gekommen. Dort sei die Auswahl größer und günstiger als im Internet, versichert sie glaubhaft.
So langsam leeren sich aber die Regale. Zur Freude von Christa Bonn. „Der Laden wirkt jetzt nicht mehr so bedrückend auf mich“, sagt sie, „irgendwie befreit mich das“. Demnächst aber gar nichts mehr zu machen, das kann sie sich nicht vorstellen. Doch sie ist froh, sich zur Schließung durchgerungen zu haben. „Jetzt ist die Entscheidung gefallen, und das ist gut so.“

