Als es noch Eintopf aus Hutzeln gab
22.02.2012 - BÄRSTADT
Von Susanne Stoppelbein
HEIMATFORSCHUNG Jürgen Münzer sammelt alte Geschichten, Fotos und Rezepte / „Erinnerungen aus Bärstadt“ sind im Internet zugänglich
Wer weiß heute schon noch, wie man Sauerkraut einlegt, Gurken einmacht oder einen Eintopf aus „Hutzeln“ (getrockneten Birnen) und Kartoffelschnitzeln zubereitet? Die Alten wissen es noch, - und vieles mehr: aus dem bäuerlichen Alltag, aus der alten Dorfschule, aus dem Krieg. Bevor die alten Geschichten und Rezepte verloren gehen, haben sich in Bärstadt zwei Heimatforscher an deren Rettung gemacht. Jürgen Münzer und der 2007 verstorbene Dieter Kaiser haben Interviews mit älteren Bärstadtern geführt, Nachlässe gesichtet, Fotos und Dokumente ausgewertet und die Ergebnisse unter dem Titel „Erinnerungen aus Bärstadt“ im Internet zugänglich gemacht.
Interviews mit Zeitzeugen
Seit 2005 kann man unter www-baerstadt.info.de in die Sammlung eintauchen, die noch immer von Münzer ergänzt und fortgeschrieben wird. Der 44-Jährige, der sich auch um den Aufbau des Dorfarchives im Alten Rathaus (siehe Kasten) kümmert, hat für sein ehrenamtliches Engagement kürzlich die Äskulapnadel der Gemeinde Schlangenbad erhalten - ausdrücklich auch stellvertretend und in Erinnerung an seinen Mitstreiter, den früheren Ortsvorsteher Dieter Kaiser. Die beiden wiederum hatten sich bei ihrer Arbeit das Buch des verstorbenen Bärstadter Heimatforschers August Krieger („Mein Heimatdorf“) zum Vorbild genommen. Die Zeitspanne der Untersuchung ergab sich aus dem Konzept, noch lebende Zeitzeugen persönlich aufzusuchen und zu befragen, wie Münzer erläutert. Der Fokus liegt daher auf der Zeit zwischen 1930 und 1950.
Die Idee sei bereits 2002 entstanden, erinnert sich Münzer, sie stamme von seinem Cousin Dieter Kaiser, der als Rollstuhlfahrer viel Zeit gehabt habe, um sich mit den Leuten auszutauschen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sei man in den darauf folgenden Jahren von allen Menschen auf der Zeitzeugenliste empfangen worden. „Die haben sich natürlich gefreut“, schmunzelt Münzer, zumal in deren eigenen Familien oft niemand mehr die alten Geschichten habe hören wollen.
Münzer, der von Beruf Denkmalpfleger bei der Stadt Wiesbaden ist, findet die Begebenheiten beeindruckend, die alte Bärstadter zu berichten wissen. Etwa die Anekdote von dem kleinen Jungen, der im Luftschutzkeller sitzt, als in der Morgendämmerung ein amerikanischer Soldat durch die Kellertür schaut. „Das war der erste Schwarze, den der Bub in seinem Leben gesehen hat“, sagt Münzer, „das war bestimmt ein Erlebnis. Bärstadt war ja ein kleines Nest, die Leute sind nie rausgekommen.“
Viele Hausbesuche bei den alten Bärstadtern gerieten abendfüllend, zu manch einem sei man ob der ergiebigen Themen ein zweites Mal gegangen. Mitgenommen haben die Chronisten nicht nur Geschichten, sondern auch Fotos, Kartenmaterial und alte Kerbezeitschriften. So konnten sie etwa beginnen, die Kerbesprüche seit 1925 zu katalogisieren. Außerdem gibt es im Bärstadter Internetarchiv alte Liedtexte, eine Chronik der wichtigsten Ereignisse (beginnend mit dem Bau der Martinskirche 600 bis 800) und Erläuterungen zum bäuerlichen Alltag sowie zu wichtigen Lebensabschnitten wie Geburt, Hochzeit oder Beerdigung.

