Legenden über Orte voll des Bösen
22.03.2010 - NIEDERNHAUSEN
Von Christine Dressler
LESUNG Autor Wulf Dorn mit "Trigger" beim 1. Niedernhausener Krimifrühling in der Alten Kirche
2009 liefert Wulf Dorn mit seinem Roman "Trigger" ein sensationelles Debüt und steht monatelang im Rampenlicht. Aber im Winter wird es ganz still um den Autor. Keiner sieht den 40-Jährigen mehr, der mit seiner Frau und einer Glückskatze bei Ulm wohnt. Er reagiert nicht mal auf Mails seiner Freunde. "Ich schreibe an einem neuen Roman", verriet der Senkrechtstarter, der sich jetzt vom "literarischen Autismus" befreite und den "1. Niedernhausener Krimifrühling" eröffnete.
Seltener Auftritt
Dorn lockte auf Anhieb rund 50 Besucher ins Zentrum Alte Kirche. Sie zog der Autor, der seit 15 Jahren in einer psychiatrischen Klinik Kranke bei der beruflichen Rehabilitation begleitet, mit dem Psychothriller "Trigger" in die Abgründe der menschlichen Psyche. "Es gibt Legenden über Orte, die das Böse anziehen", fesselte der Autor im Nebenberuf das Publikum schon mit dem ersten Satz. Im Wechsel aus Lesung und Erzählung führte er die junge Psychiaterin Ellen Roth und die atemlos lauschenden Zuhörer in den Fall der schwer misshandelten, vor Grauen bestialisch stinkenden Patientin ein und damit immer tiefer in ein Labyrinth aus Angst, Gewalt und Paranoia. In dem war niemandem zu trauen und nichts so, wie es schien. Das wurde klar, als die namenlose Frau samt allen Unterlagen aus der Klinik verschwindet und sie keiner gesehen haben will, während der Täter Roth zu einem Treffen zwingt. Damit eröffnet er, der offenbar alles über sie weiß, die makabre Schnitzeljagd um ihr Leben.
So begeistert wie das Publikum von "Trigger" und Dorn war der Autor von "dieser tollen alten Kirche". Nachdem der Roman im Herbst erschienen war, habe er bundesweit 20 Lesungen gehalten, aber "noch nie in einer Kirche gelesen". Wie das Buch selbst gab Dorn den Zuhörern Hintergrundinformationen zu Menschen und Methoden in der Psychiatrie. So triggerte er zum Beispiel das Publikum, indem er ihm romantische Bilder suggerierte, aber strikt verbot, an Elefanten zu denken. Das tat dann fast jeder automatisch.
Trigger würden in der Therapie als Auslöser genutzt, erklärte Dorn. Auslöser für sein Buch sei eine Ruine, die er als Kind im Wald entdeckte und neben der erfundenen "Waldklinik" für seinen Roman nutzte. "Meine Tante erzählte mir" die dazugehörige "Geschichte von Wahnsinn und Mord".
In der Klinik spiele auch "Kalte Stille", ebenfalls ein Psychothriller, der im Herbst erscheinen soll. Ein Jahr schreibe er etwa an einem Buch, berichtete Dorn, der in den Romanen seinen Berufsalltag verarbeitet. Da er zurzeit an seinem dritten Buch arbeitet, war sein Auftritt in Niedernhausen auch seine letzte öffentliche Lesung.
Arbeit in der Psychiatrie
Wenn er schreibe, "tendiere ich dazu, alles andere zu vernachlässigen", entschuldigte Dorn seinen Rückzug. Er "liebe Geschichten, so lange ich denken kann", habe mit zwölf Jahren die erste Kurzgeschichte verfasst und seitdem immer weiter geschrieben. Der Autor erhielt für seine Kurzgeschichten bereits mehrere Preise. Der große Erfolg kam aber erst jetzt mit "Trigger", den er ebenso wie seine neuen Romane vor der Veröffentlichung drei "gnadenlos ehrlichen" Testlesern vorlegte. Durch den Bestseller "ist das Schreiben mittlerweile dominant in meinem Leben geworden", verriet Dorn, dass er jetzt fast schon davon leben könne. Um mehr Zeit dafür zu haben, arbeite er im Moment nicht mehr voll, sondern "nur noch zwei Tage pro Woche" in der Psychiatrie: "Ich bin an einem Scheideweg."

