Kein Unterricht und keine Noten
23.02.2010 - NIEDERNHAUSEN
Von Susanne Stoppelbein
SCHULSOZIALARBEIT Zwei neue Ansprechpartnerinnen an der Niedernhausener Theißtalschule / Soziales Lernen
Ein Aquarium ist der Blickfang im Büro von Daniela Hartmann (30) und Nicole Ohlemacher (27). Die Schulsozialarbeiterinnen sind seit Herbst Anlaufstelle für Schüler, Lehrer und Eltern an der Theißtalschule. Ihre Arbeit ist facettenreich: Einzelgespräche führen, mit ganzen Klassen samt Lehrer arbeiten, Ideen entwickeln, Kontakte knüpfen, Konflikte entschärfen, an Konzepten mitarbeiten. Sie sind auch Bindeglied zu Jugendamt und Beratungsstellen.
Häufig geht es um Mobbing
Mit neun Klassen arbeiten Hartmann und Ohlemacher permanent. Sie konzentrieren sich zurzeit auf die Fünftklässler, demnächst sollen die Siebtklässler folgen. Dabei geht es etwa um Soziales Lernen oder Teamtraining. Inzwischen kommt es auch vor, dass Lehrer die Fachfrauen einschalten und eine Schulstunde zum gemeinsamen Aufarbeiten eines Problems zur Verfügung stellen. Häufig gehe es um Mobbing, sagt Ohlemacher. Dann versuche man, mit der Klasse die Situation zu verändern, ohne die Kinder bloßzustellen.
Schüler eher "überbehütet"
Im gutbürgerlichen Niedernhausener Umfeld habe man es eher mit "überbehüteten" Schülern zu tun, was aber nicht heiße, dass es keine vernachlässigten gebe oder solche, die auffällig werden oder Kontakt zur Polizei haben. Kürzlich hat Ohlemacher Kindern über eine Stiftung einen Zuschuss für das Mittagessen in der Schule besorgt. Schüler suchen das Sozialarbeiterbüro auf, wenn sie Probleme mit Mitschülern oder Lehrern haben oder sich von den Eltern vernachlässigt fühlen. Oft schließen sich Gespräche mit Eltern oder Lehrern an, bei typischen Schülerquerelen verweise man an die Schülerstreitschlichter. "Mit einem Schüler bastele ich jede Woche zwei Stunden an einem Schiffsmodell und wir unterhalten uns dabei", schildert Ohlemacher eine andere Variante des Austauschs. Manche Schüler setzen sich auch einfach fünf Minuten vor das Fischbecken, um Frust zu verarbeiten.
"Die ersten vier Wochen war ich hauptsächlich damit beschäftigt, zu gucken, wer für was zuständig ist und einen eigenen Platz zu finden", sagt Ohlemacher. Denn neben den Sozialarbeiterinnen gibt es an der Theißtalschule Vertrauenslehrer, Schülerstreitschlichter, einen Schulseelsorger und eine Lehrerin, die die Betreuung von Integrationskindern koordiniert. Viele der insgesamt 80 Lehrer habe sie kennen gelernt, als sie noch kein Büro hatte und im Lehrerzimmer arbeitete, sagt Ohlemacher. In den Pausen ist dort eine wichtige Anlaufstelle für sie, denn "Tür- und Angelgespräche sind total wichtig, um auf dem laufenden Stand zu sein".
Jede Woche tauschen sich die Sozialarbeiterinnen mit der Förderlehrerin aus, mit einer anderen Lehrerin soll demnächst das Präventionskonzept überarbeitet werden. Auch im Krisenteam, das nach den Amokläufen der jüngsten Zeit in Niedernhausen wie überall sonst gebildet wurde, sind die beiden vertreten.
"Die Lehrer sind sehr offen, sehen uns nicht so als Konkurrenz", freut sich Daniela Hartmann. "Auch die Schüler bringen uns sehr großes Vertrauen entgegen". Neben der Schweigepflicht spielt dabei wohl eine Rolle, dass die beiden keinen Unterricht machen, auch nicht vertretungsweise, und keine Noten geben. Die stellvertretende Schulleiterin Gabriele Sobota schätzt die Sozialarbeiterinnen, weil sie zusätzliche Felder besetzen können, die bislang nicht abgedeckt waren, die man nicht im Blick gehabt habe oder die sich erst ergäben. Neuestes Projekt ist die Präsenz von Lehrern oder Sozialarbeiterinnen in einem "Trainigsraum". Er ist in der 6. und 7. Stunde Anlaufstelle für Schüler, die wegen des Brechens von Regeln aus der Klasse geschickt werden.

