Von Heuchelei und religiöser Scheinheiligkeit
18.06.2012 - HOHENSTEIN
Von Hannelore Wiedemann
KULTUR LOKAL Taunusbühne spielt „Tartuffe“ auf Burg Hohenstein / Amateurschauspieler überzeugen auf ganzer Linie
„Nichts korrigiert die Menschen besser als das Gemälde ihrer Fehler“ - mit diesen Worten soll der französische Dramatiker Molière seine 1664 uraufgeführte Komödie „Tartuffe“ gegenüber König Ludwig XIV. verteidigt haben. In der Inszenierung der Taunusbühne auf Burg Hohenstein, die am Freitagabend Premiere feierte, ist der Satz Teil des Prologs, mit dem der Dichter in Gestalt von Christian Müller sein Publikum einstimmt auf ein witziges Treiben, gewürzt mit einer gehörigen Brise beißenden Spotts.
Zeitgenössische Gags
Heuchelei und religiöse Scheinheiligkeit - das ist das Thema des Stücks, das Regisseur Andreas Roskos für seine Truppe bearbeitet und mit zeitgenössischen Gags gewürzt hat. Die Gäste der Premiere jedenfalls zeigten sich wieder sehr angetan von den Leistungen der Amateurschauspieler, die die hintergründigen Figuren des französischen Autors äußerst glaubhaft verkörperten.
Da ist zum einen der naive, aber autoritäre Hausherr Orgon (Stefan Thomaß), der dem zweifelhaften Frömmler Tartuffe sein ganzes Vertrauen schenkt, ihn in sein Haus aufnimmt und ihm sogar seine Tochter Mariane (Lisa Scholz) zur Frau geben will. Anders als Orgon und seine gestrenge Mutter (Brigitte Müller) durchschaut der Rest der Familie und vor allem Hausmädchen Dorine (Verena Scholz-Roskos) sehr wohl, dass Tartuffe zwar Wasser predigt, selbst aber Wein trinkt.
Die Rolle des scheinbar so gottesfürchtigen Tartuffe füllt Holger Schön in mal betender, dann wieder wüster Pose grandios aus. Mit salbungsvoller Stimme heuchelt er fromme Bekenntnisse, bevor er in wilder Begierde der schönen Elmire, Orgons Ehefrau (Andrea Just) an die Wäsche geht.
Erst, als Elmire Tartuffe mit einer List als Schwindler entlarvt, will Orgon ihn herausschmeißen - doch da ist es schon zu spät: Sein Haus und seine Vermögen hat er Tartuffe überschrieben und so zeigt der listige Betrüger sein wahres Gesicht. Als der Gerichtsvollzieher Loyal (Ulrich Müller) anklopft, scheint es keinen Ausweg mehr zu geben. Molière aber löst die Situation auf - im Stück wie auf der Taunusbühne, auf der Christian Müller noch einmal mit dunkler Brille erscheint - und entlässt sein Publikum mit einem Happy End und dem Kanon „Der Hahn ist tot“.
Zum Happy End der Premiere gehörten auch diesmal Blumen und Dankesworte für die Mitwirkenden auf und hinter der Bühne und ein Himmel, der seine Schleusen wenigstens in diesen Stunden einmal geschlossen hielt.


