„Das Böse ist mein Element“
14.06.2011 - BURG-HOHENSTEIN
Von Hannelore Wiedemann
PREMIERE Im „Faust“ der Taunusbühne auf Burg Hohenstein wird das Böse weiblich
Zum Augenblick sagen zu können: „Verweile doch, du bist so schön“ - der Wunsch, der dem Universalgelehrten Heinrich Faust verwehrt bleibt - dem Publikum auf Burg-Hohenstein wird er erfüllt. Zwar mögen es die Gäste der Premiere von Goethes Theaterklassiker in andere, weniger erhabene Worte gekleidet haben. Doch in des Pudels Kern bleibt es bei der Aussage: Jede Minute der rund zweieinhalbstündigen Aufführung im 50. Jahr der Taunusbühne war ein Genuss.
Zu verdanken ist dies den großartigen Darstellern der Taunusbühne, die Goethes Meisterstück nicht nur mit Leidenschaft, sondern auch mit Können auf die Bühne bringen. Das Publikum war nach der Premiere am Freitag Abend voll des Lobes: „Starke Leistung“ schwärmte ein Zuschauer und meinte damit vor allem einen: Michael Klatte, den „alten“ Mephisto, der mit seiner schauspielerischen Darstellung die Grenzen zwischen Amateur und Profi verschwimmen ließ.
„Das Böse ist mein Element“, sagt dieser Mephisto, und keiner im Publikum zweifelte daran - so höhnisch, so verschlagen, so fies und hinterhältig mimt Klatte in geschmeidiger Gestik den Teufel, der dem braven, deprimierten Gelehrten Faust (Hans Haas) verspricht, ihm zu irdischem Glück und Zufriedenheit zu verhelfen. Als Gegenleistung verlangt er Fausts Seele im Jenseits.
Mit dem Pakt zwischen Faust und Mephisto nimmt die Tragödie ihren bekannten Lauf. Mit Hilfe teuflischer Magie verjüngt Mephisto den Gelehrten, im zweiten Teil gespielt von Andreas Roskos. Und auch mit dem Teufel geht in der Inszenierung der Taunusbühne eine erstaunliche Wandlung vor sich: Das Böse wird weiblich, Marianne Thiel verleiht Mephisto eine neue, wenn auch nicht minder satanische Gestalt. Der Gegensatz zum frommen, keuschen und schüchternen Gretchen, überzeugend dargestellt von Anja Kugelstadt, könnte größer nicht sein.
Schüchternes Gretchen
Wen wundert’s, wenn dabei auch der Teufel Regie führt. Michael Klatte und Marianne Thiel haben die Verse von Goethe für die Taunusbühne aufbereitet. Um die vielschichtige, dialogbetonte Tragödie auf die Bühne zu bringen, genügt ihnen ein fast schon spartanisches Bühnenbild, das mit ein paar Holzkästen, Licht und wenigen Requisiten auskommt. Das hilft, die von unheilvollen Trommelschlägen begleiteten Umbaupausen zwischen den 24 Bildern auf ein Minimum zu verkürzen.
Wenngleich auch nicht alle Nebenrollen an die Leistung der Hauptdarsteller anknüpfen können, so beeindruckte die Premierengäste zumindest die Textsicherheit, mit der die Amateure die schwierigen Reime beherrschten - von kleinen Patzern abgesehen. Umstritten bleibt auch eine Szene, bei der der Rock-Klassiker „I can´t get no satisfaction“ von den Rolling Stones den Goethe-Klassiker abwandelt - ein visueller Effekt, der nicht bei allen Zuschauern auf Zustimmung stieß. Doch die können ja dann wieder ins Staatstheater gehen.

