Erst beim zweiten Fluchtversuch in den Westen
03.09.2010 - OESTRICH-WINKEL
VORTRAG Weinbau-Professor Berthold Steinberg sieht seine Eltern erst nach 22 Jahren wieder
(pü). Bis zu seinem 18. Lebensjahr führte Berthold Steinberg ein behütetes Leben. Aufgewachsen in einem kleinen katholischen Dorf zwischen Harz und Thüringer Wald, bekam er kurz vor seinem Abitur erstmals zu spüren, was es hieß, in der DDR zu leben. Auf Einladung des Vereins „Kulturhölle“ erzählte der Geisenheimer Weinbau-Professor, der seit 1973 in Winkel lebt, in der Winkeler Brentanoscheune über seine Flucht in den Westen.
Die Sportlichkeit von Berthold Steinberg zog im Jahr 1958 die Aufmerksamkeit der Nationalen Volksarmee (NVA) auf sich. „Ein Major kam in die Schule und wollte mir den freiwilligen Dienst in der NVA schmackhaft machen“, erzählt Steinberg. Der Abiturient wollte nicht und die Besuche häuften sich. Schließlich saß Steinberg wöchentlich dem Major gegenüber, der keine Zweifel mehr daran aufkommen ließ, „wie freiwillig der Dienst in der NVA wirklich war“. Mit dem Beitritt sei das Abitur sicher, bei einer Verweigerung werde Steinberg die Prüfung nicht bestehen, hieß es.
In dieser Zwickmühle wandte sich die Familie an eine vertrauenswürdige Lehrerin, die einen Plan entwickelte. Steinberg meldete sich zur NVA, legte seine Abiturprüfung ab und der Kreisarzt, ein guter Freund der Lehrerin, bescheinigte, dass Steinberg „von Kopf bis Fuß absolut unbrauchbar für die NVA“ war. Der bei der Untersuchung anwesende Major misstraute den Ergebnissen und ordnete eine zweite Untersuchung an. „Für einen so jungen Menschen eine unglaublich belastende Zeit“, erinnert sich Steinberg. Durch die gute Bekanntschaft mit dem ersten Kreisarzt hielt auch der zweite Arzt an dem Ergebnis fest.
Der Wunsch, die DDR zu verlassen, reifte während seines Studiums an der Berliner Humboldt-Universität. „Jungs, Ihr bringt Euch nur selbst in Gefahr“. Mit diesen Worten hielt ein Passant Steinberg und einen Freund zurück, als die Staatpolizei einem festgenommenen, verletzten Zivilisten Hilfe verweigerte. „Glauben Sie nicht, dass wir Ihre wahre Gesinnung nicht durchschaut haben“, musste sich der damals 22-Jährige von einer Prüfungskommission anhören. Nach diesen Erlebnissen fasste er Fluchtpläne.
Plakat im Tunnel
Der erste Fluchtversuch wurde verraten. Gerade noch rechtzeitig konnte Steinberg aus einem fahrenden Lkw springen. Beim zweiten Versuch wartete er in einer Kneipe auf das verabredete Startsignal: Eine Frau mit Zeitung in der linken Hand, die einen Kaffee bestellte. Die Frau kam, aber Steinberg hatte es zu eilig. In einem Hausflur sollte der Student auf Fluchthelfer treffen, die als Handwerker getarnt sein sollten. Der Flur war leer „und ich glaubte schon an eine Falle“. Aber kurz darauf kamen die Helfer und führten den Studenten an einen Tunnel im Keller. Auf allen Vieren kroch er durch den relativ gut beleuchteten Tunnel, in dessen Mitte die Fluchthelfer ein Plakat gepinnt hatten: „Sie verlassen den demokratischen Sektor von Ost-Berlin.“
Obwohl die DDR im Jahr 1972 eine Amnestie für „Republikflüchtlinge“ erließ, sah Steinberg seine Eltern erst nach 22 Jahren wieder. Die Medien berichteten wiederholt, dass die Amnestie nicht eingehalten wird. „Zu unserer Hochzeit durften seine Eltern auch nicht kommen“, erzählt Waltraut Steinberg, „obwohl es ein Gesetz für Rentner gab“. Jahrelang brachte Steinberg Frau und Tochter an die Grenze, damit das Enkelkind Kontakt zu den Großeltern hat. „Zurückbleiben zu müssen war für meinen Mann das Schlimmste.“

