Anpfiff in der Bildungs-Bundesliga
27.04.2010
Von Thorsten Stötzer
RHEINGAU-TAUNUS-PROJEKT Auftakt-Veranstaltung zu "Lernen vor Ort" in der EBS mit Rita Süssmuth als Rednerin
RHEINGAU-TAUNUS. Sie schwärmt für Pavarotti und ihm fallen bei diesem Namen nur Paparazzi, Sarotti und Trappatoni ein. In Verona ist der Mann in der Cargohose noch nie gewesen, "aber in Frankreich schon". So wie seine Gesprächspartnerin auf ein Fernstudium setzt, vertraut er lieber aufs Lotto-Spielen. Die Rollen waren klar verteilt in dem kleinen Theaterspiel zur Auftakt-Veranstaltung des Programms "Lernen vor Ort".
Den Schwächsten helfen
"Mich interessiert der grüne Mann mehr als die gebildete weiße Frau", gestand die ehemalige Bundestagspräsidentin und Bundesministerin Rita Süssmuth (CDU) in Anlehnung an die Farbe der Oberbekleidung der beiden Theaterfiguren. Die Professorin war im Festsaal der European Business School (EBS) in Oestrich die Gastrednerin und befasste sich eingehend mit "Bildung als Gemeinschaftsaufgabe". Es gehe um die "Teilhabe aller". Um den Schwächsten zu helfen, seien bei "Lernen vor Ort" die Besten nötig, und die könnten umgekehrt ebenfalls profitieren. Jeder werde gebraucht, ein "kooperatives System" sei beispielsweise bei den Bildungs-Übergängen sinnvoll.
Rita Süssmuth ging auch auf ihre eigene Biografie ein: "Katholisch, Mädchen, vom Lande - keine Chance" habe eigentlich die Formel gelautet. Gesellschaftliche Öffnung und der Zugang zur Bildung hätten ihr jedoch den Weg bereitet und Ähnliches fordert Süssmuth nun wieder. Dabei favorisiert sie einen ganzheitlichen Ansatz in Form einer "Rückkehr zur Persönlichkeitsbildung". "Was nützt ein intelligenter Kopf, wenn die Verbindung zum Menschen verloren geht", fragte sie und wandte sich gegen einen hierarchisierenden Blick auf Menschen.
"Das Lokale wird wieder entdeckt", sagte Süssmuth zu einem anderen Aspekt, der im Projekt "Lernen vor Ort" steckt. Im 19. Jahrhundert hätten europaweit einige arme Regionen durch Bildung eine positive Entwicklung erlebt. Viel Beifall bekam die 72-Jährige für ihre Kritik an "lauter komischen Wörtern" wie Evaluation. Oft hätten formale Standards Projekte überlagert und mehr Bürokratie als Qualität geschaffen. Süssmuth bekannte sich dazu, dass Bildung eine öffentliche Verpflichtung und Aufgabe sei, die nicht völlig privatisiert werden dürfe.
Vernetzung ist ein anderes zentrales Stichwort zu "Lernen vor Ort". Im Rheingau-Taunus, der als eine von 40 Kommunen bundesweit an dem Programm teilnimmt, kooperieren der Kreis und die Volkshochschule.
Die EBS-Stiftung hat eine Patenschaft übernommen. Inhaltlich spielt auch Integration eine wichtige Rolle. "Kein Land kommt im 21. Jahrhundert an der Migrationsfrage vorbei", bekräftigte Süssmuth.
Da im Kreis weiterhin Maßnahmen wie das "Regionale Übergangsmanagement" für Schulabgänger etabliert sind, bezeichnete Landrat Burkhard Albers (SPD) "Lernen vor Ort" als "Baustein im Gesamtkonzept" und wiederholte den Begriff von der "Bildungs-Bundesliga". Auf dieser Ebene hat Albers offensichtlich ehrgeizigere Pläne als den Klassenverbleib. So will er bis 2012 die Jugendarbeitslosigkeit im Kreis auf null reduziert haben und warnte zugleich vor einem Fachkräftemangel im Rhein-Main-Gebiet: "Wir können es uns auch ökonomisch nicht leisten, junge Menschen zurück zu lassen." Für den Hessen-Campus als Zentrum lebensbegleitenden Lernens wolle er weiterhin werben.

