Von Thorsten Stötzer
SENSORIK Weiterbildung auf Geisenheimer Campus: Jeder Wein braucht sein eigenes Trinkgefäß
Ein trockener Riesling von der Mosel kommt zuerst auf die nummerierten Hörsaaltische. Ein Weißburgunder aus Rheinhessen, Scheurebe und Dornfelder aus der Pfalz sowie ein Ahr-Spätburgunder folgen an diesem Abend. Ausnahmsweise stehen die Weine aber gar nicht im Mittelpunkt, sondern sind Mittel zum Zweck beim Vortragsabend mit Verkostung, zu dem die Campus Geisenheim GmbH eingeladen hat. "Wein und Glas" lautet das Thema, über das Gerhard Witt von der Firma Schott-Zwiesel referiert.
Entfaltung des Aromas
Sensus, Riesling-Rheingau, Rotwein-Beaujolais und Cabernet heißen seine Attraktionen. Diese Namen tragen die vier Gläser, die er der Größe nach aufgereiht hat. Jeder der 35 Teilnehmer am Weiterbildungsseminar findet sie ebenfalls vor sich stehend, hauptsächlich angehende Oenologen interessieren sich. Gläser für Weißwein sind eher klein und die für Rotwein eher groß - so viel steht vorab fest, bevor alle die Entfaltung von Aromen und Säure in den verschiedenen Modellen testen.
Beim "Sensus" handelt es sich um das offizielle und universelle Weinprobierglas der Prüfstellen, erläutert Witt, der einst in Geisenheim Getränketechnologie studiert hat. Riesling-Rheingau ist eine Nummer größer und besitzt einen "hohen Kamin". Dass nicht nur Wein, sondern auch Glas zu fast lyrischen Formulierungen animieren kann, beweist übrigens ein Blick in den Firmenkatalog. "Das maßgeschneiderte Glas lässt den Ansturm blühender Jugend ungehindert zu", heißt es da etwa über das Weißweingefäß. Typ Rotwein-Beaujolais wiederum "transformiert" Jugend, Fruchtigkeit und "heiteren Genuss" sogar "kongenial in sensorische Ereignisse". Die auffällige Kante im großen Cabernet-Glas vergleicht Witt mit einer "Brandung".
Letztlich dreht sich alles viel prosaischer um die Frage, "aus welchem Glas der Wein am besten geschmeckt hat". Fingerspitzen kreisen daher zwecks Erkenntnissuche um die Stiele der Gläser und neigen sie. Dass der Riesling von der Mosel in das entsprechende Weißweinglas gehört, ist unbestritten - da wirke er "facettenreicher", meint eine Frau. Riesling im Cabernet-Pokal stößt hingegen auf keine Gegenliebe. "Da fällt das Bukett auseinander", moniert Witt.
Am Ende gehe es bloß um Nuancen, doch in unterschiedlichen Gläsern schmecke der Wein jeweils anders. Rotwein braucht großvolumige Formen, um seine Aromen zu entwickeln: "Die Luftaufnahme spielt eine große Rolle." Der Referent kann sich gar vorstellen, dass eine Rebsorte je nach Anbaugebiet verschiedene Gläser benötigt. Lange seien die Verantwortlichen aber unsensibel mit diesem Komplex umgegangen. Auf praktische Aspekte geht Witt auch noch ein. Hart und kratzfest wie Brillenglas seien die modernen Weingläser. Wie sie zu polieren sind, verrät er zudem.

