Erste Anlage zur Untersuchung von CO 2 -Gehalt in Geisenheim
04.08.2012 - GEISENHEIM
Von Bernd Minges
Der erste Ring ist schon seit einigen Monaten in Betrieb: Aus einem Kreis von zwölf Metern Durchmesser leuchtet schon von Weitem das Rot der Geranien hervor, die zusammen mit Erika und Chrysanthemen angepflanzt sind. Wer sich der neuen Anlage auf dem Versuchsgelände der Forschungsanstalt nähert, hört dann bald das Öffnen und Schließen von Klappen sowie Ventilatoren- und Sauggeräusche. Wie von Geisterhand bewegen sich die Klappen.
Aus 36 Einzelsegmenten, die zusammen den Ring bilden, strömt jeweils in Windrichtung Kohlendioxid (CO2) ins Innere des Kreises. Jedes Segment ist mit einer Blas- und Saugvorrichtung sowie einem eigenen kleinen Rechner ausgestattet. Der Herr der Ringe, auf die die Forschungsanstalt mächtig stolz ist, heißt Siegfried Schmidt. Er ist eigentlich promovierter Chemiker, aber der passionierte Tüftler, der schon an der Universität Gießen Vorarbeit für das Geisenheimer Projekt leistete, bezeichnet sich selbst als „Mischung zwischen Daniel Düsentrieb und Michael Faraday“. In seinen Ringen, denen er sich mit Haut und Haar verschrieben hat, stecken sein ganzes Know how und seine lange Erfahrung als anwendungsorientierter Wissenschaftler.
Eine Million Euro erhalten
Die Forschungsanstalt hat eine Million Euro als Anschubfinanzierung für das „Face“-Projekt erhalten. Mit dem Geld aus dem hessischen Loewe-Programm soll „Exzellenzforschung“ gefördert werden. Die Abkürzung „Face“ steht für „free carbon dioxide enrichement“. Untersucht werden sollen die Auswirkungen steigender CO2-Konzentrationen auf Spezialkulturen wie Reben, Gemüse, Obst und Zierpflanzen.
„Wir bauen Anlagen, die das erwartete klimatische Szenario der nahen und fernen Zukunft im Freiland simulieren“, sagt der 65-Jährige. Er hält sich mit Aussagen zum Klimawandel und den Ursachen von steigenden CO2-Konzentrationen zurück. Aber auch für ihn steht fest, dass es die höheren CO2-Gehalte gibt und dass sie einen „ganzen Blumenstrauß voller Effekte“ mit sich bringen können.
Schließlich sei Kohlendioxid mit einem derzeitigen Anteil von 0,04 Prozent in der Luft ein Hauptnährstoff für Pflanzen. Wachstum und Erträge könnten künftig enorm zunehmen. Verändern sich dann auch die Inhaltsstoffe? Wie muss die Nahrungsmittelindustrie damit umgehen? Welche Folgen haben die Veränderungen für die Erzeugerbetriebe, für die Vermarktung und den Verbraucher? Der Fragekatalog ist riesengroß. Um herauszufinden, wo das CO2 im Stoffwechsel der Pflanze bleibt, soll die Kohlensäure markiert werden.
Langfristig angelegt
Schmidt bestätigt, was Direktor Hans Reiner Schultz von Anfang an als „weltweit einmalig“ bezeichnet hat. Denn die CO2-Konzentration werde nicht schnell erhöht, sondern über einen längeren Zeitraum, was den natürlichen Bedingungen entspreche. Der Versuch ist langfristig angelegt. Zudem sollen auch Temperaturanstieg und Wasserhaushalt mit berücksichtigt werden. In Gießen hat der Wissenschaftler schon eine Anlage gebaut, mit der er ein wärmeres Klima im Freiland simulieren kann.
Ingesamt gibt es sechs Ringe, dazu zu jedem noch einen „Dummy“, einen Vergleichsring, in dem die Bepflanzung nicht zusätzlich begast wird. Als nächstes will Schmidt drei Ringe für den Weinbau in Betrieb nehmen. Sie stehen wegen der Höhe der Reben auf Stelzen.
Mit dem Funktionieren der komplizierten Technik gibt sich der Tüftler längst nicht zufrieden. Sein nächstes Ziel hat er schon im Visier: Die Anlage könnte auch allein mit Sonnenenergie betrieben werden.


