Von Mirja Pütz
Detlev Gehrke berichtet über seine Erlebnisse als Stammzellenspender
ERBACH Wie verzweifelt die Lage von Menschen mit Leukämie ist, hat Detlev Gehrke am Schicksal seines Onkels früh miterlebt: Deswegen hat sich der Erbacher vor zehn Jahren als Stammzellenspender registrieren lassen - und einem anderen Menschen damit das Leben gerettet.
Es braucht nicht viel, um ein Leben zu retten. Im Fall der lebensbedrohlichen Erkrankung Leukämie reichen ein bisschen Blut und etwas Zeit schon aus, um einem Patienten gute Chancen für eine vollständige Genesung zu ermöglichen. Für Detlev Gehrke stand daher von Anfang an fest, dass er helfen will. Bereits vor zehn Jahren hat sich der Erbacher bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) als potentieller Stammzellspender registrieren lassen. Eine Entscheidung, hinter der Gehrke nach wie vor hundertprozentig steht, denn "es gibt keine Kritikpunkte, die gegen eine Spende sprechen". Den Entschluss zur Typisierung fasste der Diplom-Betriebswirt zwar spontan während einer Aktion der DKMS in der Wiesbadener Fußgängerzone, doch die Entscheidung etwas tun zu wollen, geht bis in seine Jugend zurück. Mitte der 70er Jahre verstarb Detlev Gehrkes Onkel an der heimtückischen Krankheit. Als sich dann die Gelegenheit bot, anderen Menschen ein Überleben zu ermöglichen, hat der Erbacher sofort gehandelt. Lange Zeit geschah nichts. Mit Prospekten und Informationsmaterial hat sich die DKMS bei dem Erbacher einmal im Jahr in Erinnerung gerufen, doch zu einer Stammzellspende kam es erst acht Jahre später. "Donnerwetter, jetzt bin ich derjenige, der möglicherweise jemandem das Leben retten kann", dachte Detlev Gehrke, als er den Brief von der DKMS erhielt. Doch es mussten noch weitere Faktoren geklärt werden, bevor der Erbacher endgültig als Spender in Frage kam. Eine detaillierte Typisierung sollte klären, ob auch alle wichtigen Gewebemerkmale mit dem betreffenden Patienten übereinstimmen. Vorab: Gesundheits-Check Außerdem verbrachte Gehrke einen Tag in der Frankfurter Uniklinik, um sich gründlich untersuchen zu lassen, denn "ein guter Gesundheitszustand des Spenders ist eine notwendige Vorraussetzung", erläutert der 48-Jährige. Die DKMS wollte auch über Zeiträume, in denen der Spender nicht zur Verfügung stehen würde, informiert werden, doch Detlev Gehrke wollte den Empfänger nicht zeitlich einschränken, denn: "Meine Interessen waren da doch von untergeordneter Bedeutung." Nachdem alle Untersuchungen positiv verlaufen waren, begann die Zeit des Wartens. "Ich musste meine Arbeit so organisieren, dass die Kollegen meinen Arbeitsausfall kompensieren konnten", erinnert sich Gehrke. Doch der Spendetermin verschob sich. Der Empfänger erkrankte an einer Lungenentzündung und so dauerte es ein halbes Jahr, bis der Termin festgelegt werden konnte. Für den Erbacher kam es zu keinem Zeitpunkt in Frage, die Einwilligung zur Entnahme zurückzuziehen - auch wenn er es wichtig findet, dass der Spender nach langer Zeit immer noch absagen kann. Fünf Tage vor der Entnahme musste der Erbacher anfangen, täglich einen körpereigenen, hormonähnlichen Stoff ins Gewebe zu spritzen, der die Produktion der Stammzellen ankurbelt und diese vermehrt ins Blut schwemmt. Die Nebenwirkungen des Präparats sind Gehrke im Vorfeld ausführlich erläutert worden, so dass er von dem "grippeähnlichen Effekt" nicht überrascht war. Wie bei einer Grippe Trotz leichter Abgeschlagenheit konnte der Erbacher wie gewohnt seiner Arbeit und seinem Familienleben nachgehen. Die Entnahme der Stammzellen empfand Gehrke als "völlig komplikationslos". Der Blutkreislauf wird dabei durch einen Apparat geleitet, der die Stammzellen herausfiltert. "Es ist nichts weiter als eine Nadel in jedem Arm", sagt Gehrke, der sich während der vierstündigen Entnahme gemütlich Filme angesehen hat. Schon einen Tag danach fühlte sich der Familienvater wieder fit. "Das alles ist nichts gemessen an der Tatsache, dass sie Menschen aus einer verzweifelten Situation heraushelfen", erklärt Gehrke nachdrücklich und wünscht sich, dass mehr Menschen zur Typisierung gehen würden: "Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Leben gerettet werden kann, wächst mit jedem neuen Spender."

