Ton, Löss und Quarzit gut abgrenzbar
27.10.2010 - RHEINGAU
Von Bernd Minges
TERROIR Projektleiter Löhnertz: Immer mehr Weinkunden wollen Informationen über den Standort / „Türöffner“ für den Rheingau
Dass Boden und Standort den Charakter eines Weins bestimmen, ist ein alter Hut. Dennoch haben die Weinbauverbände Rheingau und Hessische Bergstraße das Terroir-Projekt ins Leben gerufen, bei dem die Forschungsanstalt Geisenheim zusammen mit dem Weinbauamt Eltville und der Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie die Einflüsse des Terroir untersuchen. Darunter wird die „Ganzheit der Wirkungen von natürlichen Standortfaktoren und dem Einfluss des Winzers auf den Stil eines Weines“ verstanden.
Begriff „Heimat“ verworfen
Ursprünglich sei auch überlegt worden, den Begriff „Heimat“ zu verwenden, aber in ihm seien zu viele andere Bedeutungen enthalten, deshalb wurde er wieder verworfen, sagt der Bodenkundler und Projektleiter, Professor Otmar Löhnertz. Auch er räumt ein, dass es zunächst einmal eine „Binsenweisheit“ sei, dass Boden, Wasserhaushalt, Sonnenscheindauer, die Ausrichtung des Hanges und vieles andere mehr den Weincharakter bestimmen. Bevor das deutsche Weingesetz 1971 verabschiedet wurde, gab es viel mehr kleine Einzellagen, denen ein bestimmter Stil zugeordnet werden konnte.
Der Rheingau sollte noch stärker als bisher die Chance nutzen, die Vielfalt des Gebiets herauszuarbeiten und damit auch dem gefälligen internationalen und kaum noch unterscheidbaren Stil etwas entgegenzusetzen, sagt Löhnertz. „Das gelingt nur, wenn die Weine auch typische Eigenschaften haben.“ Es gehe nicht um Aussagen wie „Riesling A ist besser als Riesling B“, sondern darum, die Unterschiede deutlich zu machen. Das Potenzial der Standort-Vielfalt könne der Rheingau stärker nutzen und vermarkten, auch wenn dies sicherlich nicht in Riesenmengen möglich sei. Aber es gehe um „Türöffner“ für die Weinbauregion und eine Differenzierung im Sortiment. Es gebe immer mehr Kunden, die Informationen über Standorte und Weinausbau haben wollen, betont Löhnertz.
Kellermeister hält sich zurück
„Das Bewusstsein für den Boden ist stärker geworden“, hat Peter Böhm festgestellt, der freilich auch hofft, dass sich dies auf den Schutz des Bodens auswirkt. Er gehört mit Stefan Muskat und Johann Seckler zum Projekt-Team.
Damit der Einfluss des Standorts wissenschaftlich belegbar ist, werden alle sechs Weinberge, die von Flörsheim bis Lorch ausgewählt wurden, gleich bewirtschaftet. Im Keller versucht Johann Seckler beim Ausbau der Weine so wenig Einfluss wie möglich zu nehmen.
Bei bisherigen Blindproben konnten die Teilnehmer immer wieder drei Standorttypen deutlich voneinander abgrenzen: Tonböden, wie sie im Maingau vorkommen, Löss im mittleren Rheingau sowie Quarzit und Schiefer im oberen Mittelrheintal. Einer der letzten Standorte, die in diesem Herbst gelesen wurden, war ein Wingert in der Hochheimer Hölle direkt am Main. Der Boden sei hier sehr vielschichtig mit Ablagerungen von Auensedimenten, Sand und Lehm, darunter Kalkstein, erläutert Peter Böhm. Auf der Oberschicht wurde früher Tonmergel zugemischt, um dem „ausgemergelten“ Boden wieder Kraft zu geben, erläutert Böhm, wobei dies nur einen Effekt habe, wenn mit Stickstoff und Phosphat gedüngt werde. Gemergelte Böden gebe es zum Beispiel auch in den Hochheimer Lagen Domdechaney und Kirchenstück. „Am komplexesten von den Aromen her“, beschreibt Böhm den Wein der Hochheimer Hölle.
Vom Jahrgang abhängig
Der Einfluss von unterschiedlichen Böden und Standorten auf den Wein ist stark vom jeweiligen Jahrgang abhängig. „Das Jahr muss es zulassen“, sagt Stefan Muskat und verweist auf den aktuellen Jahrgang oder die 2008er Weine, bei denen Standort-Unterschiede nur wenig zum Ausdruck kommen. Wenn Trauben aufgrund der Wetterentwicklung vor dem Vollreife-Stadium geerntet werden und wenn die Säure stark ausgeprägt ist, bleiben die Aromen im Hintergrund und Standort-Unterschiede relativieren sich.
Um über die Besonderheiten des Terroirs zu informieren, sollten eigentlich in Zusammenarbeit mit dem Zweckverband Rheingau ein überörtlicher Terroirweg und ein Infocenter mit Bodenprofilen entstehen. Eine Umsetzung zeichnet sich aber noch lange nicht ab. Projektleiter Löhnertz hatte sich mehr erwartet. Inzwischen gibt es örtliche Initiativen in Lorch und in Geisenheim/Johannisberg, die Terroirwege ausweisen.

