Rhein hat wieder Niedrigwasser - Wasserstand soll noch um 30 Zentimeter fallen
16.11.2011 - RHEINGAU
Von Ulrike Würzberg
Wenn sich der Nebel am Morgen verzogen hat, ist es deutlich zu sehen: Der Rhein hat wieder Niedrigwasser. Wie schon einmal im Juni ragen Sand- und Kiesbänke aus dem Wasser, ab Rüdesheim weiter stromabwärts auch Felsen. Die Fähre, die Mittelheim mit Ingelheim verbindet, muss in der Winkeler Bucht Untiefen umschiffen, um sicher an ihre Autorampe zu gelangen. Alle Fähren sind in Betrieb – auch Rüdesheim-Bingen, Lorch-Niederheimbach und Kaub. Auswirkungen hat das Niedrigwasser aber auf die Binnenschifffahrt Tanker oder Frachter können nur noch halb beladen werden, damit sie nicht mit zu viel Tiefgang in der flach gewordenen Fahrrinne hängen bleiben.
Ist Niedrigwasser gefährlich? „Nein“, sagt Florian Krekel, stellvertretender Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Bingen. „Auch bei mittlerem Wasserstand wird manchmal knapp kalkuliert, vor allem bei ungefährlicher Ladung wie Kohle oder Kies.“ Erst vor kurzem hatte sich ein Schiff in Höhe Bingen festgefahren; bei dem Versuch, selbst wieder freizukommen, warf die Schiffsschraube einen Sandhaufen auf, der jetzt die Einfahrt des Binger Hafens versperrt.
Schiffe nur halb beladen
Vor einer Fahrt rheinaufwärts steht für jeden Schiffsführer eine komplizierte Rechenaufgabe, ehe er Ladung nimmt. Er muss die aktuellen Pegelstände abfragen, er muss wissen, wie tief jeweils die Fahrrinne ist – und er muss den sogenannten „Gleichwertigen Wasserstand“ kennen. „Die Faustregel ist zum Beispiel: Kauber Pegel und ein Meter“, sagt Krekel. Die Pegel am Rhein sind unterschiedlich geeicht, also müssen auch unterschiedliche Werte dazugerechnet werden, damit man die reale Wassertiefe in der Fahrrinne errechnen kann.
Die flachste Stelle ist die Strecke zwischen Budenheim und St. Goar. Der Rhein ist breit, hat weniger Strömung als im Binger Loch, Sand und Kies lagern sich ab. Das Wasser- und Schifffahrtsamt garantiert der Binnenschifffahrt hier eine Wassertiefe von nur 1,90 Metern; zwischen Iffezheim und Mainz sind es 2,10 Meter, zwischen Koblenz und Köln sogar 2,50 Meter.
Das Maß aller Dinge am Rhein ist das Fahrwasser in Höhe des Oestricher Krans: Der Pegel dort misst die flachste Stelle. Wer derzeit die Schifffahrt hier beobachtet, stellt fest: Die Binnenschiffe fahren nur sehr langsam. „Die Schrauben ziehen das Wasser weg, es besteht die Gefahr, dass sich die Schiffe in der Fahrrinne festsaugen“, sagt Thomas Weinsheimer von der Wasserschutzpolizei Rüdesheim.
Wasserstand soll noch um weitere 30 Zentimeter fallen
Immer wieder messen die Wasser- und Schifffahrtsämter die exakten Wassertiefen am Rhein. „Wir machen alle zwei Jahre Querprofil-Peilungen“, sagt Florian Krekel. Gepeilt wird auch nach jedem Schiffsunfall, wenn sich ein Schiff festgefahren hatte, manchmal muss dann Sand weggebaggert werden. Ganz genaue Daten liefert die aufwendigere Peilung mit einem Flächen-Echolot, das alle Untiefen aufzeichnet. Die Daten fließen in die elektronischen Wasserstraßenkarten ein, die heutzutage auf den Binnenschiffen benutzt werden.
Vom Niedrigwasser-Rekord vom September 2003 ist der Rhein noch entfernt. Doch in den nächsten Tagen soll der Wasserstand am Rhein noch um weitere 30 Zentimeter fallen. Der Rhein ist noch warm, die Novemberluft frostig kalt – und das Wasser des Stroms verdunstet als Nebel.

