Von Julia Anderton
Nach dem Abitur hat man viele Pläne. „Für’s Erste: Praktikum in den USA, Philosophie-, Politik- und Soziologiestudium; langfristig: die erste Frau zu sein, die Ehe, Kinder und Karriere unter einen Hut bringt, ohne dass irgendein Teil darunter leidet und ohne jemals zur Feministin zu werden.“
Nicht wirklich überrascht
Von einem Ministerposten ist da noch nicht die Rede – doch zwölfeinhalb Jahre nach diesem Eintrag in der Abiturzeitschrift des Dilthey-Jahrgangs 1997 hat Kristina Köhler ihn bereits für sich erobert. Wirklich überrascht ist keiner ihrer Schulkameraden. „Kristina war jemand, bei dem man sich schon in der Schule , darüber unterhielt, wie weit sie es mal bringen würde“, erinnert sich Christophe Fricker. „Aber dass sie so weit aufsteigt und das auch noch so schnell, hätte ich nicht gedacht.“
Der 31-Jährige, der Köhler einst im Latein-Kurs kennen lernte, erinnert sich an die heutige Bundesfamilienministerin als zugängliche, verlässliche und muntere Jugendliche. „Man musste mit ihr nicht erst durch die Floskeln und die gezwungene Coolness der Jugendlichen gehen, sondern sie war immer gleich bei der Sache und das ganz menschlich.“ Er ist überzeugt, dass sie ihre neue Aufgabe problemlos meistern wird. „Ihr geht es nicht um Parteien und Posten, sondern um Lösungen und Leistungen.“
Gesunder Ehrgeiz
Einen gesunden Ehrgeiz bescheinigt ihr auch Yasmin Parvis, mit der sie ab der fünften Klasse die Schule besuchte. „Sie hat sich für Themen, die ihr wichtig waren, stark gemacht und ist dabei keiner Diskussion aus dem Weg gegangen. Sie war ja sehr früh politisch interessiert und aktiv. Am Anfang konnten wir alle wenig mit ihrem Engagement anfangen. Wir waren vierzehn und hatten andere Dinge im Kopf“, sagt die heutige ZDF-Journalistin. „Wir waren über lange Zeit sehr gut befreundet. Ich habe an ihr geschätzt, dass man mit ihr intensive Gespräche führen konnte, auch außerhalb politischer Themen. Manchmal hat ihr Ehrgeiz genervt. Da wollte man über Klamotten, Musik oder Jungs reden und sie war mit ganz anderen Dingen beschäftigt.“
Auch Sabina Naumann kennt Köhler von der fünften Klasse an. „Sie hatte stets eine eigene Meinung, die sie nachhaltig vertreten hat. An Argumenten mangelte es ihr in Diskussionen mit Lehrern nie, was diese öfters ins Schwitzen brachte. Aber sie hatte auch einen guten Humor und hat viel und laut gelacht! Nur Sport hat sie immer gehasst...“ Außerdem erinnert sich die 31-Jährige an „rauschende Partys bei ihr zuhause, die für uns immer ein Highlight waren, weil sie bis in die Puppen gingen, wir aber alle danach von ihrem Papa nach Hause gebracht wurden.“
Annina Löffler hatte mit Köhler seit der neunten Klasse zu tun, später wurde sie von ihr öfters im Auto mitgenommen. („Dabei liefen vorzugsweise deutsche Schlager.“) „Für mich waren Kristinas politische Ambitionen erst mal ein Hobby“, berichtet die heutige Lehrerin. „Damals habe ich sie sogar bemitleidet, wenn sie bei schlechtem Wetter zum Plakatieren ging.“
Spaß an Auseinandersetzung
Auch sie betont Köhlers Spaß an der Auseinandersetzung. „Sie hat ihre Meinungen klar geäußert, auch wenn sie wusste, dass die Lehrer ganz andere Ansichten hatten. Sie hatte keine Angst, dass das nachteilhaft für sie sein könnte.“ Sie traut Köhler noch weitere Karrieresprünge zu. „Das kommt darauf an, welche Ziele Kristina hat. Wenn sie Kanzlerin werden will, könnte sie es durchaus schaffen.“
Birte Christ kennt Köhler seit ihrer Einschulung 1984. Noch heute sind sie eng befreundet. „Kristina war unüberseh- und hörbar im positivsten Sinne. Jemand, der sich zu Wort meldet, seine Meinung sagt, gute Laune verbreitet; natürlich auch jemand, der polarisiert. Außerdem fleißig, zielstrebig und diszipliniert in unangestrengter Art.“ Neben ihrer Mitgliedschaft in der Jungen Union nahm sie sich Zeit für Freunde und Familie, spielte Klavier und las gern.
Dass ihr Verhältnis nun leiden wird, glaubt sie nicht. „Ich schätze an ihr das Zuhörenkönnen – daran hat sich auch bei all den Millionen von Verantwortlichkeiten, die sie spätestens seit ihrem Einzug in den Bundestag jeden Tag beschäftigen, nichts verändert. Wenn sie da ist, ist sie da - am Telefon wie in Person – und hört, was man sagt.“ Außerdem vernachlässige sie nicht ihren Humor. Mit Augenzwinkern ist auch Köhlers Selbstbeschreibung in der Abiturzeitschrift zu verstehen: „Ich bin verfressen, selbstverliebt, unsportlich, streberhaft, skrupellos, arrogant, geltungssüchtig, egoistisch, eitel, karrieregeil, maßlos, spießig, dekadent und irgendwie einfach liebenswert.“

